Theater

Fortsetzung: Interview mit Martin Wuttke

Martin_WuttkeEs ist etwas ungewohnt, an der Volksbühne einen Theaterklassiker zu sehen – keine Roman-, Theorie- oder Filmadaptionen, keine abgelegenen Trash-Perlen oder harte Boulevardware wie „Pension Schöller“ oder „Spanische Fliege“, sondern ein richtiges Theaterstück …
Ob das ein richtiges Theaterstück ist, müssen am Ende die Zuschauer entscheiden. Übrigens war das bei Moliиre bei der Uraufführung im Genre eine Mischform mit großen Balletteinlagen. Leider haben wir das nicht zur Verfügung, das könnte ich mir sehr reizvoll vorstellen. Aber das hätte man dann vielleicht mit dem Friedrichstadtpalast machen müssen. Moliиres Stücke waren kein bürgerliches Theater, das waren zum Teil höfische Feste, bei denen Ludwig XIV., der König, selber mitgespielt hat.

Komische Vorstellung, eine Figur wie Klaus Wowereit tritt plötzlich tanzend und singend in einer Moliиre-Komödie auf …
Er ist eben kein Ludwig XIV., deshalb ist diese Vorstellung so seltsam.

Unternehmen Sie eine Zeitreise ins 17. Jahrhundert?
In Moliиres Welt gibt es bestimmte Formen, auf der Theaterbühne gibt es eine bestimmte Spielpraxis, die man nicht einfach in die Gegenwart übertragen kann. Es wäre ja etwas reizlos, den „Geizigen“ einfach in „Geiz ist geil“ zu übersetzen. Bei jedem Stück immer nur zu sagen, das ist ja genau so wie heute, finde ich sowieso langweilig. Also ist es erst mal wichtig, zu beschreiben, dass es bei Moliиre, im 17. Jahrhundert unter Ludwig XIV., eine Welt mit besonderen Umgangsformen gibt. Diese Fremdheit hat ja einen Reiz.

Sie haben in den letzten Jahren vor allem am Wiener Burgtheater gespielt. Wie kommt es, dass Sie jetzt wieder an so einem Monsterprojekt wie der Moliиre-Trilogie an der Volksbühne arbeiten?
Vielleicht geht so ein Projekt ja nur an der Volksbühne. Hier sind die Partner, die mich dafür interessieren. Ich kann auch den viel beschworenen Niedergang der Volksbühne nicht entdecken. Drei Einladungen zum Theatertreffen sind für ein totgesagtes Haus ja nicht so schlecht, vor allem, wenn man bedenkt, dass da meiner Meinung nach auch noch „Der Spieler“ von Frank Castorf vergessen wurde. Auch als in den letzten Jahren alle geschrieben haben, da sei nichts mehr zu sehen, gab es für mich da sehr wohl noch viel zu sehen, auch über die herausragenden Arbeiten Frank Castorfs und Renй Polleschs hinaus. Das ist immer noch ein sehr besonderes Theater.

Weshalb sind Sie dann vor drei Jahren ins Ensemble des Burgtheaters gewechselt?
Ich spiele schon so lange in Berlin, es ist doch auch mal schön, woanders hinzugehen, in einen anderen Zusammenhang und mit anderen Menschen zu arbeiten. Man ist ja auch, wenn man wie ich lange in einer Stadt gespielt hat, irgendwann gefangen, die Zuschauer glauben, einen zu kennen. Alles, was man Neues macht, wirkt unter Umständen wie ein Echo oder die Fortsetzung früherer Rollen. Da ist ein Ortswechsel erfrischend. Ich habe auch gar keine Lust, auf Wien zu schimpfen, nur weil ich jetzt gerade wieder an der Volksbühne arbeite. 

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Monika Saulich, Stephan Persch


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Der eingebildete Kranke: Termine
in der Volksbühne,
z.B. am 1., 2., 8., 15., 29.6., 19.30 Uhr

Der Geizige: Termine
Volksbühne, 7., 9., 14., 22., 30.6., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 24 06 57 77

 

 

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