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Fortsetzung: Matthias Lilienthals Intendanz am HAU endet 2012

Gob_Squad_areyouwithus_c_Daid_Baltzer_bildbuehnePRINZIP 1: ÜBERFORDERUNG

Eine HAU-Strategie war immer: Überforderung. Überforderung des winzigen HAU-Apparats ohne eigenes Ensemble. Überforderung des Publikums, das mit jeder HAU-Produktion in andere Welten katapultiert wird. Wie man mit den politisch nicht unbedingt korrekten Irritationsmomenten in HAU-Produktionen umgeht, muss jeder selbst entscheiden – etwa wenn Tamer Yigit der berüchtigten Skin-Band „Böhse Onkelz“ einen Abend aus Fan-Perspektive widmet. Oder wenn in Neco Celiks Inszenierung „Schwarze Jungfrauen“ islamistische Fundamentalistinnen Einblick in ihre Gedanken über Selbstmordattentate und sexuelle Fantasien gewähren. Die bequemen Interpretations-Leitplanken, mit denen andernorts Theater und Zuschauer einander gern versichern, auf der moralisch guten Seite zu stehen, werden im HAU gern weggehauen. Eine typische HAU-Inszenierung, die den Zuschauer erstmal mit jeder Menge Fragen alleine lässt, war eine kleine Installation von Nurkan Erpulat bei „X Wohnungen“ in Neukölln, 2008. „Für mich bringt sie das HAU auf den Punkt“, sagt Lilienthal. „Du kommst in eine Altbauwohnung und musst Dich als Zuschauer bücken, um durch zwei Schlüssellöcher in ein Zimmer zu schauen. Dort steht eine verschleierte, arabische Frau, die sich langsam bis auf ihr Kopftuch auszieht. Man fragt sich unwillkürlich, wie blöd bin ich eigentlich, hier zu knien, um diesen Quatsch durch ein Schlüsselloch zu sehen.“ Allerdings spielt der Quatsch mit den Irritationen, die entstehen, wenn die voyeuristischen Blicke auf die nackte Frau unsere Vorstellungen vom Islam kreuzen – und damit, dass alles Theater sein kann.

Zum Spiel mit den Irritationen passt, wie Lilienthal sich seine Mitarbeiter gesucht hat: Er hat den potenziellen Kollegen erst mal jede Menge Unsinn über Theater erzählt, und wenn sie dazu brav zustimmend genickt haben, war klar, dass sie sowieso nicht ins HAU passen. Lilienthals Theater ist das Gegenteil der üblichen Theater-Monarchien allmächtiger Intendanten. Die Pressesprecherin Kirsten Hehmeyer kuratiert regelmäßig lateinamerikanische HAU-Festivals. Sie prägt wie Stefanie Wenner und Pirkko Husemann, die beiden Kuratorinnen für Theater und Tanz, das Haus so stark wie Lilienthal. Die leicht größenwahnsinnige Bespielung des Spreeparks etwa war eine typische Stefanie-Wenner-Idee. Und so ein Erfolg, dass den HAU-Leuten bei dem unerwarteten Besucheransturm die Eintritts-Armbänder ausgingen.

Im Augenblick arbeiten Lilienthal und seine Leute an zwei Projekten, die zum Abschluss der Spielzeit im Juni alle Dimensionen sprengen werden. Auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof veranstaltet das HAU die Parodie einer Weltausstellung: „Das sind 15 Pavillons, die da rumstehen. Das nimmt natürlich auch die Berliner Großmäuligkeit ein bisschen aufs Korn“, sagt Lilienthal und grinst sein schönstes Intendanten-Grinsen. Statt seine Projekte im üblichen „Das-wird-großartig“-Werbesprech anzupreisen, sagt er lieber gleich, dass alles total in die Hose gehen kann. Auch so ein HAU-Prinzip: Scheitern ist immer drin. Das ist der Preis des Experiments. Und ein Luxus, den sich  das HAU mit seinem Minderheitenprogramm nur leisten kann, weil es weniger als andere Berliner Bühnen auf eine möglichst hohe Platzauslastung achten muss.
Bei der „Weltausstellung“ zeigt der libanesische Regisseur Rabih Mrouй mit „Double Shooting“ eine Installation mit Dok-Material aus der arabischen Revolu­tion: der Schuss eines Scharfschützen auf einen Demonstranten, der diesen Schuss, der ihn umbringt, mit seinem Handy gefilmt hat, drei Sekunden bis zum Tod. Diese Drei-Sekunden-Filmsequenz löst Mrouй in 72 Einzelbilder auf Postern auf, 24 Bilder pro Sekunde. Der japanische Regisseur Toshiki Okada baut ein Miniatur-Fukushima. Harun Farocki zeigt ein Projekt über Bild und Animation.

Die Frage, ob das jetzt Theater, Medienkunst, Performance oder Bildende Kunst ist, ist, wie bei vielen HAU-Projekten erstens nicht zu beantworten und zweitens egal. Der ­hybride Genre-Mix gehört zu den Lieblingsspielen am HAU. Etwa wenn der britische Künstler Phil Collins, der in Neukölln die Absturzkneipe „Gift“ betreibt, den ZDF-Kulturkanal zum Shopping-Chanel macht, der sexuelle Dienstleistungen verkauft. Versteigert wurde das Angebot, in einem Pornofilm mitzuwirken. Der glückliche Gewinner, ein Student aus Neukölln, fand sich auf der Bühne des HAU wieder, zusammen mit einem fickenden Schwulenpaar und zwei Lesben. Wie gesagt: Alles kann Theater sein.
Die Grenzen zu den intelligenteren Abteilungen des Planeten Pop sind dank des Musik-Kurators Christoph Gurk sowieso aufgelöst – was uns zum Beispiel mit dem Musical „Peaches does herself“ beglückt hat. Großes Theater! Wobei die Pop-Spiele im HAU an Konzeptkunst andocken und, anders als etwa die harmlose „Studio Braun“-Show am Deutschen Theater, alles andere als nur nettes Entertainment sind.  

MatthiasLilienthal_c_DavidvonBeckerPRINZIP 2: SPIEL OHNE GRENZEN
Das andere Projekt zum Saison-Ende ist noch ein bisschen größenwahnsinniger: Dem HAU verbundene Künstler verwandeln David Foster Wallaces Roman „Unendlicher Spaß“  in zwölf Theater-Produktionen. „Die 1500 Seiten des Romans werden bei uns in die Unverschämtheit übersetzt, dass man 24 Stunden aufbleiben muss, wenn man alles sehen will – die Überforderung des Romans wird zu einer Überforderung des Theaters. Ich versuche meiner Nachfolgerin die angenehme Situation zu hinterlassen, dass alle sagen, dass es mit diesem Irrsinn jetzt endgültig reicht“, grinst Lilienthal. Gespielt wird nicht im Theater, sondern im Stadtraum, auch das ist ein beliebtes HAU-Spiel. In den letzten Jahren wurden schon die Pförtner-Loge in der SPD-Parteizentrale, Schaufenster in der Kreuzberger Wrangelstraße, U-Bahnhöfe, Wohnungen in Neukölln und Lichtenberg oder eine ganze  Daimler-Aktionsversammlung im ICC zu HAU-Bühnen umfunktioniert. Diesmal verschlägt es das HAU-Publikum an den Westberliner Stadtrand. „Ich hatte immer das Gefühl, dass sich an der Peripherie von Westberlin seit 20 Jahren nichts getan hat“, sagt Lilienthal. „Es gibt ja diese utopische Architektur der 80er-Jahre, das ICC, der Bierpinsel in Steglitz. Die Lange­weile von Boston im Roman hat ihre Parallelen in der Langeweile von Westberlin.“  

Dass seine HAU-Intendanz ausgerechnet mit diesem Foster-Wallace-Monster-Roman-Projekt endet, passt auch in ästhetischen Theorie ganz gut: Ähnlich wie der US-Autor arbeitet auch das HAU immer wieder an angemessen komplexen Reaktionen auf eine durchmedialisierte, kulturell hybride Umgebung. „Heute, wo wir selbst beim Chinesen mexikanisch essen können, während im Hintergrund Reggae läuft und im Fernsehen gleichzeitig eine sowjetische Sendung über den Fall der Berliner Mauer, heute, wo uns alles so verdammt bekannt vorkommt, hat sich die Aufgabe des Realismus verwandelt“, schreibt Foster Wallace in einem seiner Essays – und benennt damit präzise die Voraussetzungen auch vieler HAU-Produktionen, etwa der Tanzstücke von Constanza Macras, die Popkultur, Migrationsbiografien und provisorische Identitäten sampeln. Wallace weiter in seinem Entwurf eines narrativen Realismus auf der Höhe der Zeit: „Um einen ähnlichen Erkenntnisschub zu erzielen wie vor hundert Jahren, müsste realistische Literatur eigentlich im Bekannten das Fremde aufdecken, müsste paradoxerweise das, was wir für ‚real‘ halten, das heißt die zweidimensionalen Me­dienbilder, in die dreidimensionale Welt zurückführen, also aus den flachen Images des Fernsehens die verloren gegangene Wirklichkeit rekonstruieren.“ Verglichen mit diesem Programm wirkt das andernorts gepflegte Einfühlungs- und Erzähltheater etwas altmodisch und naiv. Die hybriden Formen, mit denen HAU-Künstler gern arbeiten, sind in dieser Perspektive genau so hybrid wie die Wirklichkeit selbst. Lilienthal mag aussehen wie der nette Slacker von nebenan, in Wirklichkeit betreibt er mit seinem Theater auch auf der Reflexions- und Theorieebene ein ziemlich ehrgeiziges Programm. Der Trick dabei ist, dass sich das immer noch lässig anfühlt und nicht wie ein Trendstreber-Proseminar II.

Fotos: David von Becker, David Baltzer/bildbuehne

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