Theater

Fortsetzung: Was ist uns die Kultur wert?

Konkurrieren Sie um Publikum, der eine mit Subventionen, der andere ohne, oder bewegen Sie sich auf völlig unterschiedlichen Märkten?
SCHWENKOW?Die DEAG macht im Jahr über 2?500 Veranstaltungen in ganz Europa. Wir machen nur etwa drei Prozent des Umsatzes in Berlin. Wir verkaufen im Jahr Eintrittskarten für etwa 220 Millionen Euro. Alleine der Markt für Musik, Comedy, Varietй und Zirkus hat in Deutschland ein Volumen von über 3,2 Milliarden Euro. Davon ist nur ein begrenzter Teil subventionsfinanziert. Wir sind sehr stark im Klassik-Bereich. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Leute gibt, die an einem Wochenende zu einem DEAG-Konzert von Lang Lang oder Anna Netrebko gehen, und am nächsten Wochenende gehen sie ins Deutsche Theater oder die Staatsoper. Aber diese Konkurrenz tut mir nicht weh. Vielleicht will ja jemand, nachdem er in der Staatsoper war, gerne zu einem Lang-Lang-Konzert oder entdeckt nach einem Konzert von Anna Netrebko die Deutsche Oper für sich. Aber vielleicht hat jemand, der in eine DEAG-Show von Paul Kalkbrenner geht, nicht unbedingt ein Abonnement im Deutschen Theater.
KHUON?Die Befürchtungen, unser Theater sei vielleicht zu schwierig, zu hermetisch, nur für Eingeweihte verständlich – diese Schwellenängste wollen wir immer wieder mal durchbrechen, zum Beispiel mit „Studio Braun“. Das finde ich einfach enorm wichtig. Das ist natürlich auch ein Angebot an Leute, die vielleicht auch zu Auftritten von Paul Kalkbrenner gehen.

Sind für Sie nicht zwei Fallen gefährlich? Die eine, die für Herrn Schwenkow kein Pro­blem ist, ist das schiere Schielen nach der Quote, der Publikumserfolg als einziger Qualitätsmaßstab. Die andere ist die von einer ressentimentgeladenen Hochkulturkritik gerne unterstellte Arroganz, die sich vor lauter elitärem Dünkel nicht für das Publikum interessiert.
KHUON?Genau in diese beiden Fallen dürfen wir nicht gehen. Unser Job ist es, den Spielraum oder das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Polen zu nutzen. In schlecht geführten Theatern fehlt ein Bewusstsein dafür, wie hoch für viele Menschen die Schwelle ist, die sie daran hindert, es einmal mit dem Theater zu versuchen. Man muss daran arbeiten, einladend zu wirken oder nicht nur zu wirken, sondern auch wirklich zu sein, ohne sich dabei anzubiedern. Das heißt nicht, dass uns nicht gerade auch hermetische Aufführungen wie Gotscheffs Müller-Inszenierungen oder Stoffe wie „Jochen Schanotta“ wichtig sind. Ich glaube, unser Programm, unser künstlerisches Angebot ist eher anspruchsvoll und komplex, aber unsere Kommunikationsform, die Art, auf unser Publikum zuzugehen, ist hoffentlich einladend und vermittelnd und nicht so, das sich jemand von einer arroganten Attitüde zurückgestoßen fühlt.
SCHWENKOW?Herr Khuon, würden Sie meiner These zustimmen, dass Ihre Arbeit seit vielen Jahren stark auf den Publikumserfolg ausgerichtet ist, dass es aber immer noch eine Vielzahl von Kulturschaffenden gibt, denen am Ende des Tages die Kritiken in den vier oder fünf wichtigen Feuilletons wichtiger sind als ihr Publikum?
KHUON?Nein, da würde ich Ihnen nicht zustimmen. Jeder gute Intendant will ein möglichst gut besuchtes Haus, auch, weil man eine Richtung des Erzählens sucht. Niemand will ins Nichts hinein spielen. Eine Aufführung, die kaum Zuschauer findet, macht niemandem Vergnügen. Dennoch gilt es natürlich auch, ein Publikum gegen gewisse Widerstände zu erobern, neugierig zu machen auf das, was es noch nicht kennt oder mag. Wir hoffen, dass unsere Aufführungen immer wieder auch etwas über die Stadt, über die Gesellschaft, in der wir leben, erzählen, also dass Theater ein Ort der gesellschaftlichen Selbstverständigung ist, an dem Themen wie Demokratiefähigkeit oder Toleranz oder der Umgang mit kultureller Differenz verhandelt werden.

Die unseriöse und schlecht informierte Polemik der vier Kulturmanager im „Spiegel“ macht es den Verteidigern der bestehenden Strukturen relativ leicht, die Kritik abzuwehren. Gibt es keinen Reformbedarf?
SCHWENKOW?Es gibt die normative Kraft des Faktischen. Wenn die öffentliche Hand weniger Geld zur Verfügung hat, wird das auch die Subventionskultur treffen. Die Frage ist, ob man überall ein bisschen spart oder ob man sich entscheidet, wichtige Einrichtungen ausreichend auszustatten und andere durch den Rost fallen zu lassen. Irgendwann wird man sich dieses große Kulturangebot nicht mehr in vollem Umfang leisten können, ohne dass es zulasten der Qualität geht. Ich bin dafür, die Leuchttürme zu schützen und an den Rändern zu sparen.

Sinkt, wie die Hochkultur-Kritiker behaupten, die Publikumsnachfrage nach Theater, Opern, Museen?
KHUON?Die Theater haben seit Jahrzehnten stabile Besucherströme. Jedes Jahr erleben die deutschen Bühnen 20 Millionen Theater- oder Opernbesuche. Dazu kommen etwa 13 Millionen Besuche in den Privattheatern. Das heißt, wir finden unser Publikum. Im Großen und Ganzen liegt die Platzauslastung der Bühnen zwischen 70 und 85 Prozent.
SCHWENKOW?Es geht ja nicht nur um die Theater. Ich möchte nicht wissen, wie viele Museen es in dieser Stadt gibt und wie viele davon aus welchen guten oder weniger guten Gründen öffentlich unterstützt werden.

Auch die Zahl der Museumsbesuche ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen, von noch 97 Millionen in 1990 auf 109 Millionen Besuche in 2010.
SCHWENKOW?Die Kernfrage ist doch, ob alles erhaltenswert ist. Die andere Frage ist, ob ein bestimmtes Angebot auch ohne Subventionen auskommen könnte – etwa im Unterhaltungstheater. Ist alles, was heute  subventioniert wird, tatsächlich subventionsbedürftig? Muss ein Stadttheater in der Provinz unbedingt in den alten Formen betrieben werden, oder kann man auch sagen, diese Aufgaben kann auch ein kommerzielles Tourneetheater erfüllen? Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb die kleinen und mittelgroßen Stadttheater dauernd „Cats“ oder „My Fair Lady“ spielen müssen und dafür auch noch Subventionen verlangen – obwohl das kommerzielle Anbieter vielleicht viel besser könnten. Wie viele „My Fair Ladys“ werden denn in Deutschland jedes Jahr an den Stadttheatern neu inszeniert? Warum lässt man nicht stattdessen eine hochkarätige Produktion durch die Stadttheater touren?
KHUON?Ein Theater ist, gerade in den kleineren Städten, auch ein Identifikationsort. Jedes Theater vor Ort muss gegenüber der Stadt, gegenüber der Bevölkerung kämpferisch seine Existenzberechtigung beweisen. Die kleinen Stadttheater sind vielleicht wichtiger als das vierte oder fünfte Theater in einer großen Stadt. Deshalb teile ich Ihre Forderung überhaupt nicht, die Leuchttürme notfalls auf Kosten der Kleinen zu retten. Gute Theater sind Orte, an denen man an der Stadtgesellschaft teilnimmt, das ist gut für die Demokratie, für das Gefühl der Teilhabe. Das kann ein Tourneetheater nicht ersetzen.

Noch mal: Gibt es wirklich keinen Reformbedarf?
SCHWENKOW?Ich fürchte doch. Als ich vor langen Jahren meine ersten Erfahrungen mit Götz Friedrich an der Deutschen Oper machte, herrschte auf den Fluren der Intendanz mindestens eine Temperatur von 38 Grad, die Heizkörper waren immer voll aufgedreht. Das werden Sie heute nirgends mehr finden, und das ist nur ein Beispiel. Das Einsparpotenzial bei Energiekosten, Abläufen, Werkstätten, Vertragsgestaltung und so weiter haben die Häuser in den vergangenen Jahren genutzt. Die Möglichkeiten, durch diese Stellschrauben zu sparen, sind weitgehend ausgereizt. Wenn weiter allein durch die Tariferhöhungen die Kosten stärker als die Einnahmen und Zuwendungen steigen, kann das in ein, zwei Jahren nicht mehr durch solche Effizienzsteigerungen ausgeglichen werden. Was passiert, wenn in, sagen wir, fünf Jahren alle fünf oder zehn Prozent weniger zur Verfügung haben als heute? Damit bekommt die Diskussion, die jetzt anfängt, eine neue Dynamik. Bis dahin sollten wir wissen, wie wir eine reiche, lebendige Landschaft aus subventioniertem und privat produziertem Kulturangebot erhalten wollen. Die Frage, ob alles erhaltenswert ist und ob alles, was auch kommerziell betrieben werden kann, subventioniert werden muss, lässt sich nicht wegwischen. Ein „Weiter so“ wird es nicht geben.
KHUON?Ein „Weiter so“ gibt es seit 20 Jahren nicht mehr. Wir sind mitten in diesen Reformprozessen, und dabei geht es nicht nur um Geld, sondern um Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Die „Spiegel“-Autoren fordern zum Beispiel, man müsse den Theatern Subventionen streichen und damit Laien- und Jugendtheaterprojekte finanzieren. Auch das passiert längst. Fast jedes Theater hat eine theaterpädagogische Sparte und betreibt ästhetische Bildung. Dazu gehört nicht nur Theater für, sondern auch Theater mit Jugendlichen. Wir gehen in die Schulen und spielen dort Klassenzimmerstücke. Rimini Protokoll, She She Pop, die Bürgerchöre in einigen Theatern – das ist Theater mit Laien. Bei uns stehen in der „Odyssee“ auch Opas und Omas und Jugendliche auf der Bühne. Es gibt unglaublich viele Bewegungen, auch wenn das vielleicht noch nicht jeder Kritiker des subventionierten Kulturangebots mitbekommen hat.

Interview: Hagen Liebing / Peter Laudenbach
Fotos: Harry Schnitger, Arno Declair, Lutz Edelhoff

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KULTURSUBVENTIONEN IN BERLIN

Jährliche Berliner Kultur­subventionen insgesamt, gerundet: 845?000?000?Ђ
Anteil Land Berlin: 385?000?000?Ђ
Anteil Bezirke: 120?000?000?Ђ
Anteil Bund: 340?000?000?Ђ

Subventionsempfänger Theater, Opern: 216?000?000?Ђ
Davon Stiftung Opern Berlin: 116?000?000?Ђ
Sprechbühnen: 76?000?000?Ђ
Kinder- und Jugendtheater:  8?500?000?Ђ
Konzeptgeförderte Privattheater: 3?300?000 Ђ
Friedrichstadtpalast: 6?500?000?Ђ
Theaterbesuche insgesamt: 2?400?000 Besuche

Tanz-Subventionen 12?000?000?Ђ

Anzahl in Berlin lebender profes­sioneller Tänzer und Choreografen, nach Schätzungen: 1?000

Museen und bildende Kunst
Subventionen: 52?000?000?Ђ
Anzahl Besucher: 7?500?000
Atelierprogramm: 1?100?000?Ђ

Klassische Musik
Anzahl großer Symphonie­orchester: 7
Anzahl der Konzertbesucher dieser Orchester: über 500?000
Subventionen für alte und neue Musik: 39?000?000?Ђ

Literatur
Subventionen für diverse Festivals: 3?300?000?Ђ
Stiftung Zentral- und Landes­bibliothek und Landesarchiv:  29?500?000?Ђ

Medien- und Filmförderung

Filmförderung: 23?900?000?Ђ
Standortprojekt-Förderung: 4?600?000?Ђ

Quelle: Kulturförderbericht 2011 des Landes Berlin

 

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