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Frank Castorf inszeniert an der Volksbühne „Kean“

Kean in der Volksbühne BerlinKean„, geschrieben 1836, bedient sämtliche Künstlerromantizismen von „Genie und Leidenschaft“ (so der grelle Groschenheft-Untertitel) und feiert den Shakes­peare-Schauspieler Kean als Exzess-Wunderknaben und gesellschaftlichen Außenseiter. Castorf montiert das mit Heiner Müllers „Hamletmaschine“, mit ein paar Texten von Lothar Trolle, einer Dosis Rolling Stones und Momenten aus dem Leben und Sterben der he­roin­süchtigen Sängerin Nico, die ihrem eigenen Sohn den ersten Heroin-Schuss gesetzt hat und später, als er im Drogen-Delier im Krankenhaus liegt, die Geräusche der Be­atmungsmaschine aufnimmt, um sie für ihre nächste Platte zu verwenden. Schließlich hat niemand gesagt, Kunstproduktion sei unbedingt eine nette Sache für freundliche Menschen.

Von den Rausch- und Giftwirkungen der Kunst versteht offenbar auch Alexander Scheer eine Menge. Er spielt das Theatergenie Kean als einen schwer von sich selbst gekick­ten Rockstar. Zwi­schendurch verwandelt er sich in Mick Jagger und rockt die Bühne so, dass man sich für einige Minuten vorstellen kann, dass Mick Jagger vielleicht doch nicht immer ein peinlicher alter Mann war. Aber auch wenn Scheers Kean an der Opiumpfeife nuckelt, als Othello auftritt, und dabei Scheers Hamburger Othello in Stefan Puchers Inszenierung zitiert, oder sich in Liebesaffären verzettelt, hat er Grandezza, Intelligenz, lässige Ironie und Glamour, dass es eine Freude ist. Und wenn er fertig vor dem Garderobenspiegel hängt und über den Preis seines Theaterlebens räsoniert („Okay, es ist ein Gift, aber mir schmeckt es“), glaubt man ihm jedes Wort. Michael Klobe spielt Keans Diener und Souff­leur, der, als Scheer in einem Rampenmonolog unvermittelt zu Heiner Müllers „Hamlet­maschine“ wechselt („Ich war Hamlet und redete mit der Brandung blabla“), treuherzig fragen muss, was denn da aus seinem Herrn spricht. Darauf Scheer wie ein vom Teufel Besessener: „Heiner Müller!“ Jeanette Spassova, eine dunkle Elegante, ist als Gräfin Koefeld eine der Geliebten Keans, eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt.Kean in der Volksbühne Berlin

Dass Castorf einen Abend über die Kata­strophen und Lebenslügen des Theaters zeigt, ist von einiger Selbstironie. Sein eigenes Theater ist in einer trostlosen Verfassung. In den letzten Jahren glichen Castorfs Volksbühnen-Inszenierungen eher lustlos absolvierten Selbst­mordanschlägen. Die dröhnende Dumpfheit, das ziellose Herumstochern in den Texten, die entkernten, routiniert abgespulten Hysterie-Nummern machten Volksbühnen-Besuche zu quälenden Terminen mit hohem Kopfwehrisiko. Dieser ganze depressiv-aggressive Theatergiftmüll ist jetzt wie weggeblasen. Castorf ist mit „Kean“ ein über lange Passagen ziemlich komischer und gleichzeitig ungeschützt melancholischer Abend gelungen. Die knapp fünf Stunden sorgen nicht für Theaterschlaf oder Fluchtreflexe, sondern für einen hellwachen, leicht euphorisierten Zustand wie in den besten, lange verwehten Zeiten der Volksbühne. Vielleicht waren all die fürchterlichen Umwege, die mürrisch und eitel ausgestellten Abgefuckt­heiten der letzten Castorf-Jahre doch nicht ganz umsonst. Vielleicht ist ein so frischer, gelöster und auf eine sehr entspannte Weise komplizierter Abend wie dieser „Kean“ nur möglich, weil Castorf sich nicht mit netten Tricks über seine Krisenphase hin­weggemogelt, sondern sie ohne Rücksicht auf Verluste ausgestellt hat. Wie es aussieht, hat sich der Mann, der das Theater in den letzten zwei Jahrzehnten wie wenig andere verändert hat, an diesem Abend noch mal neu erfunden.

Das Erstaunlichste daran ist die Leichtigkeit und völlige Larmo­yanz-Freiheit, mit der Cas­torf den Theater-Selbstekel durchspielt. Es ist vor allem in jedem Moment ein Spiel. Hartmut Meyers betont billig und improvisiert wirkende Bühne ist dafür ideal: eine grüne, nach
hinten wie in einer Halfpipe ansteigende Fläche, auf der mal drei Papphäuschen stehen oder ein Schrank, in dem sich wie im ganz schlechten Boulevardstück ertappte Ehebrecherinnen verstecken. Castorfs Stilmittel an diesem Abend sind die fröhlichen Übertreibungen von Vaudeville und Kindertheater. Für Heiner Müllers „Hamletmaschine“ tummeln sich grell verkleidete Schauspieler in den winzigen Papphäuschen, so klingen die spätmarxis­tischen Revolutionsgesänge und Edeldepressionen doch gleich lustiger.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Thomas Aurin

Sehenswert

Kean
in der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte,
Sa 3.1., Fr 9.1., 19.30 Uhr

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