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Frank Castorf über die Volksbühne und sein neues Stück „Ozean“

Frank_Castorftip Sie inszenieren zur Wiedereröffnung der Volksbühne nach dem Umbau wieder mal ein denkbar krudes Stück, „Ozean“ von Fried­rich von Gagern, geschrieben 1921. Das liest sich ein wenig wie die Trash-Variante von Dostojewskis Gott- und Sinnsucher-Delirien. Weshalb tun Sie uns, der Volksbühne und sich selbst das an?
Frank Castorf Man muss ja ein biss­chen den Misserfolg organisieren … (lacht) Ich weiß gar nicht, wie ich auf das Stück gekommen bin, wahrscheinlich durch Heiner Müller. Friedrich von Gagern …

tip … ein heute komplett vergessener Kolportage-Autor aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts …
Castorf … den hat Heiner als Kind gelesen, das ist einer seiner Lieblingsautoren. Noch im Alter konnte er ganze Passagen von ihm auswendig. Müller hat am Ende seines Lebens viel über von Gagern geredet. Der Satz „Deutscher sein, heißt Indianer sein“, das ist Fried­rich von Gagern, ein Großgrundbesitzer, der als Jäger auf Leute schießt, die seinen Wald betreten. Deshalb haben sie ihm dann den Jagdschein weggenommen. Das Stück ist nie gespielt worden, das kennt kein Mensch, wir machen die Uraufführung.

tip „Ozean“ handelt von deutschen Auswanderern, die Mitte des 19. Jahrhunderts, nach der gescheiterten Revolution 1848, im Zwischendeck nach Amerika reisen, Revolutionäre, Arbeiter, Prostituierte, Geistliche. Vielleicht reisen sie in ein neues Leben, vielleicht sterben sie auch bei der Überfahrt. Was interessiert Sie an so einem Stoff?
Castorf Es sollte etwas sein, wo man rübersetzt, woanders hin. Erst dachten wir an Döblins „Amazonas“-Roman oder an Kafkas „Amerika“.

tip Weil Sie selbst so gerne und oft in Brasilien, Kuba oder Argentinien sind?
Castorf Ja, vielleicht auch. Neulich habe ich in Caracas, in Venezuela, den „Auftrag“ von Heiner Müller inszeniert, in einer Woche, mit tollen Schauspielern. Aber das ist nicht der eigentliche Grund. Bert Neumann kam auf die Idee, dass man das Theater als Schiff sehen kann, dass man alles schwarz macht im Theater, dass es eine tödliche Sonne gibt. Es ist eine Raumbühne, es gibt keine Stühle, die Zuschauer sitzen auf den Seesäcken, sie sitzen in diesem Zwischendeck. Es geht auch um den Ausnahmezustand, der laut Carl Schmitt immer auf See herrscht, und natürlich auch im Theater.

tip Der Ausnahmezustand der Volksbühne ist derzeit eher unerfreulich. Wie geht’s Ihnen denn so als Kapitän dieses leckgeschlagenen Panzerkreuzers?
Castorf Wir hatten in der Volksbühne lange Zeit einen Riesenvorteil, nämlich Leute, die Matthias Lilienthal rangeholt hat …

tip … der in den ersten acht Jahren Ihr Chefdramaturg war …
Castorf Ich habe erst, als er hier aufgehört hat, irgendwann verstanden, wie wichtig er für die Volksbühne war. Ich habe damals nie gesehen, wie sich alle verbrennen für dieses Theater. Ich war das begabte Kind, das gespielt und seine Inszenierungen gemacht hat und nicht mitkriegt, wie sich die anderen verbrennen, Matthias, die Technik, Bert Neumann, Kathi Angerer, Henry Hübchen, Martin Wuttke, Bernhard Schütz. Was Matthias Lilienthal am HAU macht, ist wunderbar. Dass er irgendwann das BE übernehmen sollte, wenn Berlin nicht völlig provinziell werden will, habe ich schon dem letzten Kultursenator zu erklären versucht. Aber was ich eigentlich sagen will: Unser Vorteil war, dass hier jemand war, den ich vorher gar nicht kannte, der den Film „Das deutsche Kettensägenmassaker“ gemacht hatte …

tip Christoph Schlingensief.
Castorf Den hat Matthias hergeschleppt, ich dachte, warum nicht, kann man ja machen. Christoph Marthaler war hier, auch Kresnik. Das war was Besonderes, Leute, die in sich eine Konzeption waren. Die kamen aus der Musik, vom Kino, aus dem Tanz. Wenn das aus traurigen Gründen wegbricht …

tip … oder aus selbstverschuldeten Gründen?
Castorf Auch das. Aber das ist vielleicht eine Frage von Zeit, von Überdruss, von der Frage, in welche Richtung man weitergehen will, ob man überhaupt noch weitergehen oder einfach sitzen bleiben will.

tip Sie sind seit 16 Jahren Intendant der Volksbühne, das ist eine lange Zeit. Sie inszenieren in zwei Jahren einen Flaubert-Abend in Paris, nächstes Jahr inszenieren Sie „Drei Schwestern“ in Moskau, im letzten Jahr hatten Sie mit einer Oper einen großen Erfolg bei den Wiener Festwochen. Sie können sich weltweit die Theater aussuchen und kriegen dabei vermutlich die Höchstgage. Hatten Sie in den letzten Jahren nicht irgendwann Lust, den Job an der Volksbühne einfach hinzuwerfen?
Castorf Ich habe jetzt auch in Kopenhagen inszeniert. Wenn man woanders arbeitet, ist man wieder der Filibuster, der Korsar, man kann anders wildern. Als Fremder hat man es immer leichter, das geht mir sogar in Wien oder in Zürich so. In Berlin bin ich in einer Stadt, die ausdefiniert ist. Man kennt sich schon. Wenn ich in Caracas oder in Brasilien inszeniere, muss ich schnell reagieren, mich in kurzer Zeit auf Menschen einlassen. Das Interesse für dieses fremde Theater ist viel größer als hier. Berlin hat sich ja auch verändert in den letzten Jahren, die Stadt ist nicht mehr heiß und kalt, sie ist cool. Das hat Vorteile und Nachteile. Früher war die Volksbühne eine einsame Insel, heute ist hier alles voll mit Labels und Galerien und schicken Restaurants. Ich muss hier einfach immer wieder versuchen, Stoffe zu finden, die mich wirklich interessieren. Sonst kann ich es bleiben lassen. Um das Theater voll zu bekommen, könnte ich einen „Hamlet“ machen oder noch mal einen Ibsen, was so an einem gut sortierten Theater funktioniert. Dazu habe ich keine Lust. „Ozean“ ist ein Stoff, den erst mal keiner kennt. Das ist teilweise Trash, aber da ist auch Nietzsche drin, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Bakunin, Kropotkin, da sind die „Weber“ drin im Dialekt. Man bekommt eine Idee davon, was das mal für ein Land war, Deutschland. Das ist so weit weg von allem, was gerade modern ist, dass es vielleicht schon wieder modern ist. Der Ozean hat etwas anziehendes, eine bedrohliche Macht. Nach „Ozean“ machen hier junge Regisseure die Schiller-Fragmente, die Seestücke von Schiller, die sich zwischen Ostindien und Westindien bewegen. Das ist nicht ausformuliert, das sind teilweise nur kurze Sätze, Abstrakta, wenn er sagt „Theaterschiff – Kriegsschiff“, das interessiert mich, das erinnert mich an andere Fragmente von Brecht. Auf dem Schiff herrschen die Notgesetze, der Ausnahmezustand, da sind wir bei Carl Schmitt.

tip Der Nazi-Jurist, von dem der berühmte Satz stammt, souverän sei, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Das ist eine vornehme Umschreibung für Staatsterror.
Castorf Ja, und auf diesem Schiff passiert etwas, eine Revolution. Bevor man in Amerika ankommt, in der neuen Welt, muss man durch den Ausnahmezustand. Die Leute politisieren sich, sie verlassen ihre einsamen Gefilde und entscheiden sich gemeinsam zu einer politischen Tat. Wie klug die ist, ist eine andere Frage. Sie verändern diese Gesellschaft auf dem Schiff total, indem sie den Kapitän entmachten. Das ist ein Moment von Hoffnung, und es ist im Rausch natürlich auch selbstzerstörerisch. Wir werden uns erst verändern, wenn wir keine andere Wahl haben.

tip Klingt nach Revolutionskitsch.

 

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