Theater

Frank Castorf über „La Cousine Bette“

f_castorf_111213_1076_sRGBDer gefürchtete Regisseur, Dostojewski-­Leser und Theater­-Dekonstrukteur Frank Castorf, 62, leitet seit 1992 die Berliner Volksbühne, immer radikal, niemals konsequent. In den guten ­Jahren hat er sie zum auf­regendsten Theater der Welt gemacht (und an schwachen Abenden zum trostlosesten Theater-Bunker Berlins). Berühmt und berüchtigt sind seine Theaterabende (am liebsten nach Romanen) unter ­anderem dafür, selten vor Mitternacht zu enden, lässig Hysterie und Lethargie zu kombinieren und dafür, dass die Schauspieler oft nur in Live-Videoübertragungen zu sehen sind. 

Herr Castorf, Sie haben in den letzten Monaten an der Volksbühne eine Erzählung von Tschechow, Richard Wagners kompletten „Ring“ in Bayreuth und Cйlines Roman „Reise ans Ende der Nacht“ in München inszeniert. Jetzt zeigen Sie an der Volksbühne Ihre Fassung eines Romans von Balzac und im Januar hat Ihre Inszenierung von Hans Henny Jahnns „Richard III.“ am Burgtheater Premiere. Wie geht es Ihnen mit diesem Arbeitspensum?  
Ja (schweigt). Na ja (schweigt). Das sind komplexe Stoffe (schweigt lange). Ich habe ja immer aus der Überforderung gearbeitet. Das Schöne in Bayreuth war, dass ich zum ersten Mal vertraglich verpflichtet war, nicht unter 17 Stunden Aufführungsdauer zu bleiben. Natürlich riecht Bayreuth nach Seife, da hat der Geschichtsfatalist Heiner Müller recht. Aber mir war klar, dass es mich nicht interessiert, den Wagner wieder in die Reichskanzlei zu prügeln und das Hakenkreuz rauszuholen. Das Theater ist in Bayreuth eine höfische Institution. Ich meine das gar nicht negativ, aber Bayreuth hat mich schon sehr an die Strukturen in der Deutschen Demokratischen Republik erinnert. Ich bin in Bayreuth der pünktlichste Mensch der Welt geworden, das hat noch kein Theater und kein Mensch bei mir geschafft. Das ist der Erfolg der pädagogischen Bemühungen von Eva Wagner. Nach Bayreuth kommen die Menschen mit einer gewissen Pilger-Stimmung.

War Ihnen diese erhaben-feierliche Pilger-Stimmung der Wagnerianer suspekt?
Der Vorteil ist natürlich, dass man sich dort in Ruhe diesem Musiktheaterkunstwerk widmen kann, ohne den Verkaufsdruck des Repertoire-Theaters. Woanders wird Theater eher so als Begleitmittel fürs angenehme Leben genommen, deshalb erwartet man gerne ein Film- und Fernsehformat von 90 Minuten. Vielleicht liegt das daran, dass die Menschen erschöpfter sind als früher und sich im Theater vor allem regenerieren wollen. Sie stürzen sich nicht mehr in die Kunst wie in ein Abenteuerland. Was wir früher oft gemacht haben, Sieben- oder Zwölf-Stunden-Abende, das wird schwierig.

Sollte Kunst etwas Exterritoriales jenseits der Alltagsroutine sein?
So war es ja auch mal bei den Griechen – etwas, um die Welt besser zu verstehen und um Gott näher zu sein. Theater hat in diesem Versuch, mit der Feier, die man macht, um sich selbst als Mensch besser zu verstehen, immer etwas Egozentrisches. In den guten Zeiten der Volksbühne war es eine größere Feier, die keinen ausgeschlossen hat. Heute hat Kunst vielleicht nur als etwas Partisanenhaftes eine Chance. Man kommt kurz von den Bergen runter, macht eine Strafaktion und zieht sich wieder zurück.

Sie sind einer der dienstältesten Berliner Intendanten. Das ist nicht unbedingt besonders partisanenhaft.
Ja, na ja. Die Revolution ist ja meistens kurz und die Restauration kann sich dann sehr in die Länge ziehen. Da finde ich es wichtig, sich immer wieder an die Revolution zu erinnern, auch wenn Theater Luxus ist.

Zum Luxus Ihres Theaters gehört, dass Sie in Ihren fünfstündigen Aufführungen Zeit- und Erzählökonomien souverän ignorieren.
Verschwendung gehört zur Kunst. Balzac hat in 20 Jahren über 80 Romane geschrieben, eine auf Hochdruck laufende Maschine, mit 51 stirbt er. Am Tag seines Todes hat er fast eine Million Franc Schulden. Aber er hat es geschafft, über diese ständige Arbeitsüberanstrengung tatsächlich auch Kunst abzusondern. Er redet nie über Kunst, er redet ständig nur über Geld und die Spekulation mit der Ware Kunst. Bei Balzac hat Kunst­produktion immer mit Geldgier und Lebens­gier zu tun. Eine Figur wie die Josepha in „La Cousine Bette“, dem Roman, den wir grade machen, sieht mit zwölf Jahren ihre einzige Chance darin, ihren Körper zu verkaufen, eine Warenverkäuferin der Liebe. Ihr Onkel war angeblich ein reicher Jude aus Deutschland, sie wächst in der Armut auf und wird entdeckt als Körper. Ihr Liebhaber Hulot macht sie zur berühmten Grande Dame und Sängerin an der Pariser Oper. Sie wird aus der Prostitution ein gefeierter Star mit Glamour und Flitter. Damit ist sie ihrem Liebhaber gleichgestellt, sie verkauft sich an einen reicheren Gönner, der ihr die Staatsanleihen in einer Bonbon-Dose überreicht. Hulot kann noch froh sein, dass sie ihn verlässt, bevor ihn seine Liebe zu ihr völlig ruiniert.

ECousine_Bettein etwas paradoxer Vorgang: Prostitution als Weg der Emanzipation. Gefällt es Ihnen, dass bei Josepha, wie oft in Balzac-Romanen, die Grenzen zwischen Lebedame, Edelprostituierter und Opernsängerin, Schauspielerin verschwimmen?
Das ist deckungsgleich bis heute, Sexualität und Kunst, bis hin zum Hollywood-Klischee der Besetzungscouch. Im Theater geht es um dieses ambivalente Grenzreich der Sexualität jenseits eindeutiger Zuordnungen wie in der Pornografie oder der Prostitution. Bei Balzac ist das ganz offen, auch die Verbindung zwischen Sexualität, Geld und Kunst, anders als bei den Biedermeier-Deutschen mit ihrer sinneszerstörenden protestantischen Moral und Rechtschaffenheit. Bei Balzac wird das Triebhafte exzessiv ausgelebt. Der Hasardeur Hulot ist in seiner Gier nach Frauen, die ihn am Ende in den Ruin treibt, ein Selbstopfer. Diese Selbstverschwendung und Selbstzerstörung, die ewige Wiederkehr der Triebstrukturen, ist von einer Gnaden­losigkeit, die sehr ehrlich ist. Der Kaufmann Crevel, der erste Liebhaber Josephas, die Kontrastfigur Hulots, ist das Beispiel für den bigotten französischen Spießer, geizig, immer kalkulierend, ein dicker Parfümhändler, der genau ausrechnet, was ihn die Frauen, die er kauft, kosten dürfen.

Gefällt Ihnen dieser Lüstling Hulot in seiner Maßlosigkeit und Selbstzerstörung?
Er hat keinen Bausparvertrag für sein Leben, er bleibt in seiner Triebhaftigkeit der, der er immer war. Ich finde Renegaten so etwa das Unangenehmste, was ich kenne, und ein Renegat ist Hulot nicht.

Freut es Sie, dass die Anhänger der politischen Korrektheit ihre Freude daran haben dürften, wie Sie hier über die Reize der Prostitution sprechen?
Es gibt eine Zensur des moralisierenden Mainstreams, die gerade immer stärker wird und die gefährlich für die Freiheit der Kunst ist. Schon vor Jahren sagten Leute, die nichts von Fassbinder kannten, dass man sein Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ nicht spielen darf, weil es angeblich antisemitisch sei. Wenn man in Tel Aviv gegen Konzerte mit Musik von Richard Wagner demonstriert, kann ich das sogar noch verstehen, obwohl ich es falsch finde. Daniel Barenboim kämpft dafür, dass er in Israel Richard Wagner dirigieren kann. Das ist eine andere Position als die der Mehrheit der Ultraorthodoxen in Israel, die überwiegend aus Russland kommen und mit Wagner nicht so ausgesprochen viel zu tun haben. Am Deutschen Theater gab es offenbar große Aufregung, weil ein weißer Schauspieler schwarz angepinselt aufgetreten ist. Eine kleine Community hat im Namen der politischen Korrektheit dafür gesorgt, dass das geändert wurde. Das ist Zensur. Ich arbeite viel mit Schwarzen und die haben natürlich eine völlig andere Art, auch eine andere Ironie, mit dem Kolonialismus und seiner Geschichte umzugehen, als diese deutschen Kleinbürger der politischen Korrektheit. Der Postkolonialismus verschwindet ja nicht dadurch, dass in Berlin-Mitte Verbote gegen bestimmte Vokabeln oder Theater-Spielweisen ausgesprochen werden.

Cousine_BetteDie Kritik an schwarz geschminkten Schauspielern am Deutschen Theater und an anderen Bühnen argumentiert, dass diese Praxis an US-amerikanische Mistrel-Shows des frühen 20. Jahrhunderts erinnert, in der weiße Darsteller schwarz geschminkt waren und entsprechend kostümiert rassistische Klischees bedient haben. Was stört Sie an dieser Debatte?
Die Freiheit der Kunst wird mit solchen Verboten angegriffen. Das ändert an den Lebensverhältnissen und den Denkweisen in einer Plattenbausiedlung irgendwo am Stadtrand nichts. In Marzahn oder Anklam ist es als Schwarzer nicht ganz so einfach, in eine Bier-Kneipe zu gehen. Was diese Zensur will, ist, dass von der Bühne eine spießige Moral verkündet wird, wie im „Tatort“. Das ist ja auch nicht mehr Schimanskis „Tatort“, wo das Böse und das Kaputte zum Gesetzes­hüter gehört wie die Jacke, die er anhat. Nein, auch im „Tatort“ muss die Geschichte inzwischen immer eine Moral haben.

Wird Kunst so zum gefälligen Mittel, sich der eigenen moralischen Überlegenheit zu versichern?
Wir entfernen uns freiwillig immer weiter vom Irritierenden, vom Paradoxen der Kunst, zum Beispiel eines Cйline. Wenn wir auf dem Theater nicht die Ressentiments, die vorhanden sind in Europa, aussprechen können, wird es gefährlich. Jeanne Balibar, die bei uns mitspielt, kommt aus Paris. Sie sagt, dass das Klima seit diesem kleinbürgerlichen Napoleon Sarkozy in Frankreich jeden Tag schlimmer und rassistischer wird. Von links bis rechts ist es eine Festungspolitik gegen die Armen aus Osteuropa oder Afrika. Dass sich die Roma aus Südosteuropa in Bewegung setzen und nach Paris marschieren könnten, macht diesen Kleinbürgern von Sarkozy bis Hollande Angst. Die offen rassistische Partei von Le Pen hat in Umfragen über 20 Prozent. Aber die Kunst muss politisch korrekt sein.

Glauben Sie, dass das politisch korrekt gesäuberte Bild der kulturellen Öffentlichkeit, in der bestimmte Ressentiments nicht mehr ausgestellt, sondern nur noch didaktisch und moralisierend entsorgt werden sollen, mit dem Anwachsen des realen Rassismus korrespondiert? Die Bilder werden immer adretter und die Wirklichkeit wird immer hässlicher?
Ja, klar – Hauptsache, man sagt nicht „Neger“, dann ist die Welt in Berlin-Mitte in Ordnung, auch im Theater. Ich erinnere mich an einen Film von Peter Zadek, der mich sehr erzogen hat, „Der Pott“ von Sean O’Casey: Ärzte greifen mit ihren infizierten Fingern in Wunden. Ein Kunstwerk, das sich den gängigen Kategorien entzog, damals ein gigantischer Skandal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. So was war besonders, wie die Volksbühne in ihren Anfängen, mit Marthaler, mit Schlingensief. Das hatte eine Lebendigkeit, jetzt hat im Theater überall so eine Seriosität gesiegt, verbunden mit einem ungeheuren Schuss Opportunismus und einem Verlust an Vitalität.

Klingt melancholisch.
Ich bin nicht melancholisch, die Zeiten ändern sich halt.

Sie sind seit 21 Jahren Intendant der Volksbühne. Sind Sie erleichtert, dass Ihre Intendanz in zweieinhalb Jahren endet, oder beleidigt, weil Klaus Wowereit Ihren Vertrag nicht noch mal um ein paar Jahre verlängert hat?
In zweieinhalb Jahren? Stimmt, Sie haben recht. Klaus Wowereit und ich kennen uns lange und wie oft in langen Beziehungen weiß man am anderen nicht mehr das zu schätzen, was man schätzen sollte. Oft merkt man erst, was man hatte, wenn etwas zu Ende ist. Vielleicht sind Wowereit und Schmitz …

… Andrй Schmitz, der Kulturstaatssekretär, der in den 90er-Jahren Ihr Geschäftsführer an der Volksbühne war …
… vielleicht sind die beiden als zukunfts­orientierte Politiker auch einfach froh, wenn sie mich nach so langer Zeit endlich los sind. Zu meinen im nächsten Jahr dann 22 Jahren kommen ja noch die 100 Jahre Volksbühne insgesamt, das sind für ein Theater Zeiträume, die sicherlich besonders sind. Man muss nicht bis ins Grab Intendant sein und wenn Klaus eine Idee hat, was er mit der Volksbühne vorhat, soll er das machen, ich hab noch nichts von ihm gehört. Es wäre ja ganz schön, wenn intelligent wäre, was mit diesem Haus passiert.

Würden Sie Ihren Vertrag gerne noch mal verlängern?
Och, was soll ich sagen. Die Stadt verändert sich, ich bin noch hier und das ganz gerne, schon weil ich Berliner bin.

Interview: Peter Laudenbach

Szenenbilder: Thomas Aurin

La Cousine Bette Volksbühne, Do 19., Sa 21., Sa 28.12., Fr 3.?+?Sa 4.1.14, 19 Uhr, Karten-Tel. 24 06 57 77

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