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Frankreichs Starkünstler Nasser Martin-Gousset kommt nach Berlin

Nasser Martin-Gousset hat Sorgen. Er hat zu viele Arbeitsangebote bekommen im letzten Jahr – und weil er das von früher nicht gewohnt war, hat er jedes Mal begeistert Ja gesagt. Jetzt weiß der Pariser Tänzer und Choreograf selbst nicht, wie er alle Vereinbarungen einhalten soll. Ganz oben auf seiner Liste der zu erledigenden Dinge steht: auf der Stelle Nein sagen lernen. Dass er je in eine solche Situation kommen würde, hätte er vor drei, vier Jahren nicht für möglich gehalten. Denn da schien es eher so, als ob nicht mehr viel kommen würde für Nasser Martin-Gousset, den in Berlin jeder liebt, der ihn in den frühen 90er Jahren in den ersten Stü­cken von Sasha Waltz gesehen hat, in Twenty to Eight, Tears Break Fast und Al Ways Six Steps.

In diesen Stücken war Martin-Gousset, mehr als die Choreografin selbst, das Zentrum. Er war komisch, absurd und ironisch – und gleichzeitig abgründig und wahrhaftig. Einer, der sich bloßlegt und ständig selbst riskiert und eben deswegen zutiefst berührt. Gekoppelt war das, nicht ganz untypisch, mit einem exzessiven, nicht besonders gesunden Lebensstil. „Ich habe mich verändert, weil es die einzige Chance war, die Kunst zu machen, die ich machen will“, sagt Nasser Martin-Gousset dazu heute nur lapidar. Im letzten Jahr, als Nasser Martin-Gousset mit seinem Stück Pйplum im Radialsystem gas­tierte, war er noch wie im Rausch. Er kam direkt von einer Auftrittserie in Paris. Fassungslos erzählte er von seinem Erfolg im Thйвtre de la Ville, der Tanzbühne der Stadt, auf der Pina Bausch, William Forsythe und andere Weltstars jedes Jahr ihre Gastspiele geben. Gйrard Violette, der Direktor des Thйвtre de la Ville, hatte Paris im Vorfeld mit Pйplum-Plakaten regelrecht zugepflastert. Alle Vorstellungen waren ausverkauft, und es gab allabendlich Standing Ovations.

„Natürlich werden wir auch Comedy im Thйвtre de la Ville spielen“, sagt Nasser Martin-Gousset jetzt ganz gelassen. Comedy ist Martin-Goussets neuestes Stück. Im Juni war die Uraufführung beim Fes­tival in Montpellier, jetzt kommt es zum Tanz im August ins Radialsystem V. Comedy ist eine Liebeserklärung an die Hollywood-Komödien der Sixties, an Filme wie „Pink Panther“, „Frühstück bei Tiffany“ und „Die Party“. Es gibt live gespielten Ostküsten-Jazz, eine Reiche-Leute-Party, einen großen Diamanten, eine Versteigerung und einen Diebstahl. Manchmal, sagt Nasser Martin-Gousset, sei es gut, in die Vergangenheit zu schauen. „Um sich zu erinnern, dass alles sehr viel schöner, leichter, verspielter sein kann.“ Diese Sehnsucht nach einer nicht mehr rückholbaren Unbekümmertheit ist eine seiner Triebfedern.

Nasser Martin-Gousset ist Film-Nerd. Für die Zukunft ist ein James-Bond-Stück geplant. Sein letztes Stück, Pйplum (was übersetzt ungefähr heißt: hollywoodesker Sandalenfilm), war eine verrückte Fantasie über Eliza­beth Taylor und Richard Burton und den Drehset von Alex Norths Technicolor-Schinken „Cleopatra“ in Rom, an dem sich Taylor und Burton kennen und lieben und bald auch hassen lernten. Ruhmsucht, Intrigen, die Macht der Geldmaschine Hollywood und die Macht der Mythen von Marc Anton, Cäsar und Cleopatra, alles ging fröhlich durcheinander. Die unentwirrbare Verflechtung von zu Popikonen geronnenen Stoffen sind Martin-Goussets Thema. Ebenso rück­haltlose wie rasante Irrfahrten sind seine Stü­cke, in denen der Choreograf all den von ihm heraufbeschworenen grotes­ken Spiegelungen und Widerspiegelungen ihre großen, wahrhaftigen Momente abringt.

Nasser Martin-Gousset ist als Kind eines ägyptischen Vaters und einer korsischen Mutter in Lyon aufgewachsen. Er ist jetzt 43 Jahre alt, seine eigene Compagnie La Maison hat er gleich nach seinem Abschied von Sasha Waltz 1996 in Paris gegründet. Aber Stücken wie Solaris (das auch in den Sophiensälen zu sehen war) oder Neverland – einer wüsten Paraphrasierung von Emily Brontës „Wuthering Heights“, die auch in der Schaubühne gas­tierte – war kein großer Erfolg beschieden. Als Tänzer aber, bei Karine Saporta, Joseph Nadj und anderen namhaften Cho­reo­grafen, wurde Martin-Gousset weiterhin geliebt. „Wir sind wohl die größte unabhängige Compagnie Frankreichs“, sagt Nas­ser Martin-Gousset heute. Und dass er damit gut umgehen kann. Er bekommt kein Geld vom Staat, aber sehr viel Unterstützung von mehreren französischen Theater- und Festivaldirektoren. Denn es ist wohl so, dass sie in Frankreich nur darauf gewartet haben, dass er endlich reif wird und klar und sie endlich seine Stücke produzieren können, die so bezaubernd sind wie Nasser Martin-Gousset selbst.

Text: Michaela Schlagenwerth


Comedy Radialsystem V, Holzmarktstraße 33,
Friedrichshain, Do 21.8, Fr 22.8., 20 Uhr

 

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