Kommentar

„Freiheit für Chris!“ von Peter Laudenbach

Auf Wunsch der Chefredaktion soll nur noch jede zweite Folge dieser für ihre wohl abgewogene Seriosität bekannten Kolumne dem Wirken des berühmten Kurators Chris Dercon gewidmet sein

Peter Laudenbach

Das ist im Prinzip zwar ein guter Vorsatz, aber dann gähnt das Sommerloch. Und während sonst nicht viel los ist, sorgt Chris Dercon unermüdlich für Heiterkeit – zum Beispiel mit einem Anzeigenmotiv der neuen Volksbühne. Auf knallroten Grund steht da „Volksbühne“ (der Rosa Luxemburg Platz fiel der neuen Corporate Identity zum Opfer), und darunter ein Statement, wie es auch gut zu Werbung für Deodorants, Scheidungsanwälte, Mietwagen, die FDP oder Damenbinden passen würde: „I want to be free“. Das ist doch mal eine Ansage! Zumindest im Mut zur Phrase macht der neuen Volksbühne keiner was vor.
Aber natürlich hat die Anzeige ihren subtilen Hintersinn. Erst im Mai hat Dercon in einem Interview mit der „Zeit“ gestanden, er hätte sich „noch nie so unfrei gefühlt wie in Berlin“. Wenn das so ist, muss man die Anzeige vielleicht als Hilfeschrei einer geknechteten Seele verstehen: Endlich frei sein, endlich dieses schreckliche Berlin verlassen! Ein Wunsch, dessen Erfüllung wir ihm herzlich gönnen würden. Überhaupt wäre „Freiheit für Chris!“ für künftige Aktivisten-Aktivitäten ein hübsches Motto. Irgendwie logisch, dass selbst die in der Anzeige angegebene Internetadresse von der begrenzten Dauer einer einjährigen Dercon-Intendanz ausgeht: „volksbuehne1718.berlin“.

Mehr über Cookies erfahren