Theater

„Frühlingsopfer“ im HAU 1

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Sind nicht nur auf der Bühne Mütter und Töchter: Ilia Papatheodorou mit ihrer Mutter Irene, Heidi Stumpf und Lisa Lucassen. Foto: David von Becker

Vor vier Jahren haben die She-She-Pop-Performerinnen ihre Väter auf die Bühne geholt. Und weil sie das klug und ohne Angst vor Privatismen gemacht haben, vielleicht auch, weil jeder von uns weiß, wie kompliziert Vater-Kind-Beziehungen sind, wurde „Testament“, frei nach Shakespeares „King Lear“, zu ihrer bisher erfolgreichsten Inszenierung. Dazu gehörte auch der Mut, Bilder für harte Konflikte zu finden. Einmal stehen die drei Väter, Hemd und Krone beraubt, halbnackt auf der Bühne, während die Töchter im Hintergrund den Thron besteigen: ein Triumph der Jüngeren über die Alten. Es sind die realen Töchter, die hier ihre Väter beerben und mit ihnen unverblümt über das aufzuteilende Gut verhandeln. Geld gegen Pflege gegen Liebe? Eine Frage, die damals nicht beantwortet wurde: Was sagen eigentlich die Mütter dazu?

„Ich wollte das nie im Leben“

Vier Jahre nach der Testament“-Premiere sitzen zwei She-She-Pop-Akteurinnen und zwei Mütter gutgelaunt im WAU, der HAU-Theaterkneipe. Die Performerinnen sind Lisa Lucassen und Ilia Papatheodorou. Sie hat ihre Mutter Irene mitgebracht, Heidi Stumpf, die Mutter der Performerin Berit Stumpf, ist ohne ihre Tochter gekommen. Die vergangenen Tage haben sie für das neue Stück von She She Pop geprobt,

„Frühlingsopfer“, nach Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. „Ich wollte das nie im Leben“, lacht Irene Papatheodorou ihre Verwunderung darüber fort, dass sie jetzt mit ihrer Tochter auf der Bühne steht. „Gerade weil ich die Proben bei meinem Mann ja miterlebt habe. Auf ihn wirkte das alles anfangs etwas durcheinander“, sagt die elegante Stuttgarterin. Sich auf die She-She-Pop-Bühne zu wagen, auf der das Private gerne gnadenlos ans Tageslicht geholt, durch trashige Ritualmaschinen gejagt und von allen Seiten seziert wird, verlangt Mut und Vertrauen. Schließlich sind die Darsteller hier nicht durch eine Rolle geschützt, sondern bringen ein Stück der eigenen Biografie zur Aufführung. Man packt erstmal aus und merkt dann, dass man den Koffer nicht mehr zukriegt, weil das Individuelle plötzlich übergroß wird und erstaunlich vielen passt.

Warum tut sich die 73-Jährige das an? „Nach der Premiere von ‚Testament‘ ist das Vertrauen gewachsen, mir hat das zum Schluss sehr gut gefallen“, sagt Papatheodorou. Das knappe Dutzend Preise, das die Arbeit in den letzten vier Jahren gewonnen hat, mag auch geholfen haben. „Ich war sofort neugierig, gerade weil unserer Generation die Arbeit unserer Töchter so fremd ist“, sagt Heidi Stumpf. Auch der Gießenerin, mit wachem Blick und Leopardentuch, merkt man den Stolz auf die Tochter und die gemeinsame Arbeit an. Früher hockten die Performance-Studentinnen stundenlang auf ihrer Terrasse. War es über die Jahre vermutlich nicht immer ganz leicht, den Nachbarn zu erklären, was die Töchter genau machen, tritt man nun gemeinsam ins Scheinwerferlicht.

„Hast du je ein Opfer gebracht?“

Die Themen Opfer, Verzicht, Belohnung passen zu Strawinskys Sacre“, der Ballettmusik, mit deren skandalumwitterten Uraufführung vor 101 Jahren die Tanz-Moderne begann. Eine Gemeinschaft vollführt darin ein rituelles Menschenopfer, um sich selbst zu festigen, eine archaische Feier des Lebens. Ist das ein Mütter-Töchter-Thema? „Wir haben uns und unseren Müttern erst mal viel zu lesen gegeben. Hausaufgaben. Und dann getrennt Fragen gestellt. Etwa: Hast du je ein Opfer gebracht? Wovon bist du Opfer gewesen?“, beschreibt Ilia Papatheodorou den Start. „Dabei wurde schnell klar, dass das Thema sich generationsübergreifend wiederholt. Unsere Mütter werden auf der Bühne überlebensgroß, zu Ahninnen. Ihre Geschichten überlagern unsere. Opfer zu sein oder zu bringen, passt nicht recht in unsere sich selbst verwirklichende Gesellschaft“, meint Papatheodorou. „Aber so oder so, das Opfer muss immer gebracht werden“, ergänzt Lisa Lucassen. Alle stimmen zu. Das Ritual wiederhole sich, nur wer wem opfere, sei nicht immer klar. Und auch die Männer kämen ums Opfern für die Gemeinschaft nicht mehr herum. Wieder Einigkeit.

Für die Kinder verzichten? Der Mutter opfern? Noch mal in die Runde gefragt: Wie geht man damit um, wenn man beim Proben Dinge voneinander erfährt, die man lieber nicht erfahren hätte? „Das Verhältnis zuei-nander muss offen sein“, meint Stumpf. Generell fällt den Töchtern das Arbeiten mit den Müttern leichter als mit den Vätern. Es herrsche mehr Einverständnis über die Theaterform, „aber es gibt auch nicht ständig Überraschungen beim Reden über die Familienhistorie – vielleicht auch weil die Bindung und Kommunikation mit den Müttern eine andere ist“, so Ilia Papatheodorou. „Wir machen hier ja auch keine Therapie, sondern Theater“, meint Lisa Lucassen, deren Eltern nicht mitmachen wollten. Tatsächlich ist das häufig die Finesse bei She She Pop: Wenn das Private plötzlich alle angeht und so gesellschaftlich relevant wird.

„Ich verzeihe dir, das du Theater studiert hast“

Die Verhandlung über das Erbe, die Frage nach dem Opfer: Das sind Themen, die gerade privat häufig nicht zur Sprache kommen und vielleicht deshalb auf der Bühne enorme Kraft entfalten. Fremdschämen und Peinlichkeit gibt es dabei natürlich, klar“, so Lucassen. Zum Beispiel? „Ich muss singen“, stöhnt Stumpf. Die eigenen Körper sind auch ein Thema. „Ich hab mich geweigert, mit Spaghettiträgern rumzulaufen, das mache ich nicht …“, meint Papatheodorou. „In der Arbeit erzählt eine Tochter, wie sie es nicht erträgt, der eigenen Mutter beim Tanzen auf der Bühne zuzusehen, weil sie diese letztlich nicht loslassen kann. Loslassen können muss man natürlich bei so einer Zusammenarbeit.“

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In diesem Ergänzen oder Übersetzen dessen, was die Mütter sagen, scheint dann doch etwas von der Furcht vorm Beschämen auf. „Ich sage den anderen ständig, sie sollen aufhören, mir ihre Mütter zu dolmetschen“, lacht Lisa. „Klar bin ich in Situationen wie diesen auch nervös, dass meine Mutter was Unangenehmes über mich erzählt“, gibt Ilia Papatheodorou zu. Aber dieses Opfer müssen die sechs Töchter, vier Mütter und ein Sohn nun gemeinsam bringen. Mal abwarten, ob auch dieser Abend rechtfertigt, was in „Testament“ einer der Väter zu seiner Tochter sagte: „Ich verzeihe dir, dass du Theater studiert hast. Und dass du Theater zum Beruf gemacht hast.“

Text: Sabine Schouten

Frühlingsopfer ?HAU 1 ?Karten Tel. 25 90 04 27

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