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„Gaunerstück“ an den DT-Kammerspielen

Sozialverlierer erfreuen sich am Theater seit Jahren großer Beliebtheit: Prekariats-Folklore gehört schon als Beweis kritischer Zeitgenossenschaft auf jeden ambitionierten Spielplan. Das weiß auch die Berliner Autorin Dea Loher. Ihr jetzt an den Kammerspielen des Deutschen Theaters uraufgeführtes „Gaunerstück“ erzählt den Unterschicht-Blues im naiven Tonfall von Kinder­geschichten. Die Not wird poetisiert. Schließlich soll sie den Kunst­genuss nicht trüben.
Die Zwillinge mit den bedeutungs­schweren Namen Maria und Jesus Maria haben große Träume und kleine Lebens­chancen. Der Vater, offenbar ein lebensfroher Spanier, hat sich längst davongemacht. Die Mutter arbeitet in einer chemischen Reinigung und ist, wie es sich im Problemstück gehört, dem Alkohol verfallen. Kein Wunder, dass die Jugend­lichen ihr Glück in der Weite suchen. Ihre Lieblings­beschäftigung besteht darin, sich Fantasien von märchenhaftem Reichtum hinzugeben. Die Vorsätze für den unwahrscheinlichen Fall unverhofften Wohlstands: unbedingt einen Porsche kaufen, „und auf alle Fälle unbescheiden sein“.
Erzählend und erinnernd blättern die Zwillinge nach und nach ihr Leben auf, von der gemeinsamen Flucht aus der Unbehaustheit ihrer Kindheit bis zum einsamen Tod der Mutter. Für Skurrilität sorgen die Nachbarn, eine Wahr­sagerin unklaren Geschlechts und ein gewisser „Porno-Otto“. Die Wahrsagerin darf esoterischen Klimbim von sich geben. Prägnante Figuren oder gar detail­scharfe Einblicke in soziale Unterwelten entstehen nicht. Die Dramatikerin scheint härtere Verlierer­milieus besten­falls von Ferne zu kennen. Offenbar wollte sie sich ihre Inspiration nicht von Recherchen oder auch nur einem genaueren Blick stören lassen.
Bei der Uraufführung setzt die niederlän­dische Regisseurin Alize Zandwijk entschlossen auf eine dekorativ-nette Künstlichkeit. Also auf genau die weichgespülten Stilmittel und Tonlagen der Textvorlage. Als würde die Regie den ununterscheidbaren Zwillings­figuren nicht trauen, potenziert sie die Figuren­verdopplung ein weiteres Mal mit vier Darstellern, zwei deutsche, zwei niederlän­dische (Judith Hofmann, Fania Sorel, Hans Löw, Miquel de Jong). Aber auch multipliziert bleiben diese Figuren bemüht konstruierte Bedeutungs­träger. Die Bühne (Thomas Rupert) unterstreicht, dass es vor allen um hübsch anzusehende Elends-Pittoresken geht: ein grüner Kasten, in dem die Farbe dekorativ von den Wänden abblättert. Zwei Matratzen­stapel an der Rückwand laden zum formvollendeten Dösen ein. Wie um die Harmlosigkeit und den Wohlfühl­faktor der Veranstaltung zu betonen, werden zur Süßstoff-Verstärkung Schwund­formen von Tanz­theater-Gymnastik vorgeturnt.    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Adresse + Termine:
DT-Kammerspiele

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