Theater

Gazino Arabesk im Ballhaus Naunynstraße Berlin

Gazino ArabeskAls in den 60er Jahren die Arabesk-Musik in der Türkei populär zu werden begann, waren die Eliten entsetzt. Arabesk-Musik, das heißt Fatalismus und Weltschmerz pur. Hoffung auf ein gutes Ende gibt es nicht. Nur ein inbrünstiges Sich­hingeben an das eigene Unglück, an den Verlust des Geliebten oder der Geliebten vor allem.

Arabesk ist die türkische Popmusik schlecht­hin. „Mit deutschen Schlagern“, sagt Tuncay Kulaoglu, „kann man das nicht vergleichen.“ Tuncay Kulaoglu ist Kurator und Dramaturg am Ballhaus Naunynstraße. Jetzt sitzt er im Produktionsbüro im ersten Stock des Ballhauses und doziert ganz ernsthaft über die arabeske Lebenskultur in der Türkei. Über Orhan Gencebay, den Übervater der Arabesk-Musik, der über 20 Jahre lang nicht im staatlichen Fernsehen auftreten durfte. Über Müslüm Gürses, bei dessen Konzerten sich die männlichen Fans die nackten Oberkörper mit der Rasierklinge aufschlitzten. Und über die Anfänge: über die Landflucht in den 50ern und die dadurch entstandenen Gefühle des Verlustes von Heimat und Ursprünglichkeit und einer unwiederbringlich dahinge­gangenen Unschuld, die in der Arabesk-Musik besungen wird. Ab den 40er, 50er Jahren begann es in Ägypten, ab den 60ern dann in der Türkei. Kein Wunder, dass die westlich orientierten türkischen Eliten dagegen waren. Arabesk-Musik war ihnen nicht nur zu irrational, sie war auch zu arabisch, zu orientalisch, zu länd­lich. „Arabesk-Musik, das ist ein der deutschen Romantik sehr verwandtes Gefühl. Wie damals der Aufstand gegen die Aufklärung, mit dieser Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und der Flucht in die Träumerei“, sagt Kulaoglu.

Gazino ArabeskDabei reden wir eigentlich nicht über Kunstlieder oder So­zial­kri­tik, sondern über eine schräg-schmalzige, hinreißend komische und absolut kultverdächtige Musiktheater-Soap, die Kulaoglu gemeinsam mit dem Regisseur Neco Celik entwickelt hat: „Gazino Arabesk“. Gazino Arabesk, so heißt im Stück der Amüsierschuppen des schmierigen Coskun – und was da geschieht, kann es locker mit jeder Soap-Opera und jeder Boollywood-Schnulze aufnehmen. Coskuns Frau, die schöne Günül, war im Gazino Arabesk einst der Star. Aber leider ist sie – vermutlich, weil sie die Betrügereien ihres Gatten nicht mehr ertragen hat – aus dem Fenster gesprungen und mausetot. So verbrei­tet es zumindest die robuste Bergün, die früher in der zweiten Reihe stand und jetzt allabendlich selbst große Erfolge feiert. Doch dann taucht eines Tages Maria auf, das blinde, schöne, unschuldige, zarte Blumenmädchen, das der toten Günül zum Verwechseln ähnlich sieht. Natürlich, man ahnt es schon, verfügt Maria auch noch über eine sagenhafte Stimme. Eine kleine Augenoperation nur, und auch mit der Blindheit ist es vorbei.

Gazinos gibt es in der Türkei viele, es sind Nachtclubs mit Res­taurantbetrieb. Man speist vier, fünf Stunden lang und trinkt Raki, Sänger bringen dazu osmanische Lieder zu Gehör. Arabesk-Musik sucht man in diesen Etablissements eher vergeblich. Auch im Ballhaus Naunynstraße sind die Tische gedeckt mit kleinen Rakiflaschen, Eis, Wasser und Knabbereien. Das ist im Eintrittspreis inbegriffen – und am Ende sind an fast allen Tischen die Flaschen leer und die Besucher leicht alkoholisiert. Idil Üner (bekannt geworden als Melek in Fatih Akins „Im Juli“), ihre Schwester Ilke, Aziza A., Tim Seyfi und Laurens Walter singen, spielen und leiden mit solcher Inbrunst, dass man einfach zur Flasche greifen muss.

Gazino ArabeskFür das Stück haben Kulaoglu und Celik viele Arabesk-Filme gesichtet. Immer gibt es da das unschuldige Mädchen, das oft vom reichen, verdorbenen Sohn vergewaltigt wird, oder den armen Tischabräumer und Gläserwäscher, der eine sagenhafte Stimme hat und es nicht einmal weiß – und am Ende natürlich doch entdeckt wird. Nur bleiben auch die Happy Ends sehr melancholisch, denn irgendwas und irgendwer bleibt immer auf der Strecke.
Auch der armen Maria ergeht es nicht anders. Das Showgeschäft ist hart und brutal, Marias Unschuld hat da keine Chance. Auch die hart­gesottene Günül wird vom Schick­sal schwer gebeutelt. Die Männer sind auf gewisse Weise sowieso schon Verlierer. Gesungen werden fast alle Lieder auf Deutsch. „Weil wir etwas Unmittelbares wollten“, sagt Kulaoglu. Und das funktioniert mit elektronischen Übertitelungen nicht. Seit dem postmigrantischen Neustart ist im Ballhaus Naunynstraße einiges los. Die deutsch-türkische Szene ist bestens vernetzt. Kein Problem also, einen Musikproduzenten wie Turgay Ayaydinli als musikalischen Leiter zu finden, der dann auch gleich noch als Band befreundete Musiker mitbringt. Man hat schon einige potenzielle Talente im Ballhaus sichten können. Aber immer gab es auch etwas von einem etwas überanstrengten Kunstwollen, als ob man sich selbst und dem, was man erzählen möchte, noch nicht recht über den Weg traut. In „Gazino Arabesk„, das nichts sein will als gute Unterhaltung, gibt es davon keine Spur. Gut gelaunt, entspannt und verspielt werfen sich alle Beteiligten ohne Rück­sicht auf Verluste in ihre Rollen. Das macht den Abend so wunderbar.

Text: Michaela Schlagenwerth
Fotos: Ute Langkafel

Termine: Gazino Arabesk
im Ballhaus Naunyn­straße, Naunynstraße 27, Kreuzberg,
Karten unter 347 45 98 99

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