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„Geächtet“ im Theater am Kurfürstendamm

Am Ende ist von der liberalen New Yorker Toleranz nichts mehr übrig. Ein aus dem Ruder gelaufenes Abendessen genügt, und zwischen den kultivierten Wirtschaftsanwälten und Kunstbetrieb-Karrieristen brechen die rassistischen Ressentiments mit ungedämpfter Aggression aus. Amir, Anwalt mit pakistanischen Wurzeln, rutscht heraus, dass er am 11.September ein wenig stolz auf seine Leute war. Isaac, renommierter Museums-Kurator, macht aus seiner Verachtung für Muslime keinen Hehl und beschimpft sie als „Tiere“. Dabei sind beide eigentlich arrivierte Musterbürger einer multiethnischen Großstadt, für die in ihrem eigenen Selbstverständnis kulturelle Differenzen keine Rolle spielen, sondern höchstens als schöner Reiz goutiert werden. Issac (Gunther Gillian) begeistert sich für die Gemälde von Amirs Frau Emily (Katjha Salay), die mit arabischen Motiven spielen. Amir (Mehdi Moinzadeh) hat, um nicht als Moslem identifiziert zu werden, seine Herkunft ein wenig zurechtgebogen und beim Einstellungsgespräch seine Eltern von Pakistanern zu Indern gemacht. Den Islam verachtet er als „rückständige Denkweise“. Sein Neffe (Rauand Taleb) nennt sich in einem Akt der Überidentifikation mit dem Gastland Abe (Abe wie Abraham Lincoln), weil ihm sein arabischer Name in Zeiten der Terror-Hysterie und Islamphobie irgendwie unangenehm ist. Und Issacs Frau Jory (Dela Dabulamanzi) ist als Schwarze, die in einer Wirtschaftskanzlei Karriere gemacht hat, bekennender Kissinger-Fan – auch ein Fall von Überidentifikation mit dem System. Alles könnte friedlich sein. Bis die unter der Oberfläche gärenden Kulturkampf-Konflikte mit Wucht ausbrechen.
Ayad Akhtar, US-Autor mit pakistanischen Wurzeln, hat mit „Geächtet“ ein Culturcash-Kammerspiel geschrieben, das nach seiner Broadway-Premiere vor zwei Jahren in den USA heftige Wellen geschlagen und ihm den Pulitzerpreis beschert hat. In dieser Spielzeit zeigen es in Deutschland nach der Hamburger Erstaufführung im Januar nicht weniger als zehn Bühnen. Es ist bei aller stereotypen Figurenzeichnung und didaktischen Plakativität des Konflikts ein Stück der Stunde, das aktuelle Kulturkämpfe mit einiger Schärfe bündelt. In Berlin bringt es die engagierte und wagemutige Santinis-Produktion heraus. Die Bühne: Eine sich nach hinten verjüngende Schräge. Die Spielweise: Gerne frontal ins Publikum, nicht besonders differenziert, am Premierenabend leider etwas zäh und verschleppt und ohne das nötige Tempo, aber das kann sich nach der dritten, vierten Vorstellung auch noch ändern. Ivan Vrgocs Inszenierung setzt am Theater am Kurfürstendamm ohne Scheu vor Überdeutlichkeit auf größtmögliche Klarheit und Direktheit.    

Text: Peter Laudenbach

Foto: Katarina_Ivanisevic

Theater am Kurfürstendamm
Mi 10.–Sa 13.2., Mi 17.–Sa 20.2., Mi 24.–Sa 27.2., 20 Uhr, So 14., So 21., So 28.2., 18 Uhr, Eintritt 28-39 Ђ

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