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„Gefährliche Liebschaften“ eröffnet das umgebaute Deutsche Theater

Constanze Beckers und Wolfram Koch spielen tip Ich würde gerne mit Ihnen über Sex reden!
Constanze Becker Ich kann das Thema nicht mehr hören.
Wolfram Koch Wir reden gerade dauernd darüber …

tip Sie proben schließlich auch gerade „Gefährliche Liebschaften“, Christopher Hamptons Theaterfassung des Briefromans von Choderlos de Laclos von 1782. Sie spielen zwei intrigante Verführer, die Marquise de Merteuil und den Vicomte de Valmont. Beide versuchen, ihre Opfer durch Verführung zum Sex zu kompromittieren.
Koch Letztendlich geht es gar nicht um Sex, sondern um Macht, um perfide Spiele mit den Gefühlen von Menschen bis hin zur gegenseitigen Zerstörung. Sex ist ein Nebenfaktor, auch wenn sehr viel darüber gesprochen wird. Die Jagd, heißt es einmal im Stück, ist spannender als der Moment, in dem man das Wild erlegt.

tip Das geschieht bei Laclos in einem Umfeld, in dem Sexualität, zumal außereheliche, besonders für Frauen etwas zutiefst Unehrenhaftes und Kompomittierendes ist. Wie geht man heute mit einem solchen Stoff auf dem Theater um?
Becker Das ist die Schwierigkeit. Auch der Film von Stephen Frears bleibt ja ein Kostümdrama, in dem die Konventionen des 18. Jahrhunderts gelten. Das Stück in unsere komplett sexualisierte Gesellschaft zu transportieren, ist gar nicht so einfach.
Koch Interessant ist ja: Je mehr das Sexuelle die öffentliche Sphäre prägt, desto stärker suchen die Menschen wieder nach Liebe und Verbindlichkeit. Die Leute, die im Internet die Chaträume bevölkern, suchen hinter dem Sex menschliche Nähe, die sie gleichzeitig kaum aushalten. Es gibt diese Geschichte von dem arabischen Prinzen, der sich wahnsinnig in eine Prinzessin verliebt. Und die Prinzessin sagt: „Okay, du kriegst mich, wenn du 100 Nächte vor meinem Fenster wachst.“ Der Prinz nimmt sein kleines Höckerchen und wartet vor dem Fenster der Prinzessin. Eine Nacht, die zweite, dritte. Und nach der 99. Nacht nimmt er sein Hö­cker­chen und geht nach Hause.

tip Weil das Warten am Schönsten ist?
Koch Und weil man die reale Liebe gar nicht aushalten würde. Auch in unserem Fall besteht zwischen Merteuil und Valmont eine sehr große Anziehung. Sie wollen viel mehr voneinander als nur dieses abgebrühte kalte Reden über Sex und darüber, wie man andere Leute benutzt und kaputt macht. Vielleicht rührt dieser unbedingte Zerstörungswille daher, dass sie nicht aneinander rankommen …
Becker Es geht nur darum, über den anderen oder das eigene Gefühl zu triumphieren, das man verbirgt, um nicht angreifbar zu werden.

tip Also sind die „Gefährlichen Liebschaften“ ein verkapptes Beziehungsdrama mit beziehungsunfähigen Protagonisten?
Becker Jedenfalls geht es nicht nur um Sex. Auch im Briefroman wird ja nie über den Akt an sich geschrieben. Valmont und Merteuil begegnen sich darin nie.
Koch Die Blase im Kopf mit ihren Strategien und Fantasien ist riesengroß.

tip Wie heute bei den Partnerbörsen im Internet?
Becker Ja, in diesem virtuellen Raum des Briefeschreibens herrscht schon damals eine große Offenheit, größer als in der gesellschaftlichen Realität. Nach außen allerdings muss die Merteuil sich eine gewissen Reinheit, Ehrbarkeit bewahren – viel mehr als Valmont. Untereinander herrscht die schonungslose Offenheit, die ihm dann zum Verhängnis wird. Es gibt keine gefühlsmäßige Unschuld mehr in dieser Beziehung.
Koch Du meinst jetzt in unserer, Constanze?
Becker Ja, mein Schatz!
(Der Schauspieler Sven Lehmann kommt an den Tisch.)
Koch Sag mal was über Sex, einen Satz, komm!

Lesen Sie weiter in tip 05/09 auf Seite 48/49

Interview: Eva Behrendt
Foto: Harry Schnitger

Gefährliche Liebschaften
Deutsches Theater
, Schumannstraße 13a, Mitte,
Sa 28.2. (P), 20 Uhr, So 1.3., 19.30 Uhr

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