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Berliner Ensemble

Gelungener Neustart an Oliver Reeses Berliner Ensemble

Wirf die Ketten­säge an: Gelungener Neustart an Oliver Reeses Berliner Ensemble mit Stücken der Klassiker Bert Brecht und Albert Camus sowie des norwegischen Zeitgenossen Arne Lygre – und herausragenden Schauspielern

Foto: Horn

Die gute Nachricht zuerst: Im schrecklichen Berlin ist es noch möglich, ein Theater gut gelaunt, ausgesprochen professionell und ohne störende Nebengeräusche zu eröffnen. Mit dem Beginn von Oliver Reeses Intendanz landet das Berliner Ensemble nach der gefühlt etwa 100-jährigen-Peymann-Agonie wieder in der Gegenwart. Willkommen! Reeses Vertrauen auf das alte Medium Theater und die schöne BE-Guckkastenbühne ist dabei geradezu provozierend ungebrochen. Während Trendscouts allerorten von Theater-Grenzgängen zur bildenden Kunst, zum Computerspiel, zur politischen Demonstration oder zum Stadtspaziergang schwärmen, stehen am BE ganz oldschool Schauspieler, Theaterregisseure, dramatische Texte im Zentrum – und der Mut, Geschichten zu erzählen.

Die Bilanz der ersten drei Premieren ist durchaus gemischt. Für ein Haus, das die Gegenwartsdramatik zum Kern seines Programms machen will, ist die Stückauswahl gewagt: Zwei möglicherweise zurecht nur noch selten gespielte Klassiker, der Existenzialismus­schocker „Caligula“ von Albert Camus (geschrieben 1939) und Brechts ob ihrer simplen Didaktik im Deutschunterricht beliebte Parabel „Der kaukasische Kreidekreis“ (uraufgeführt 1954).

Dazu gibt es im Kleinen Haus die deutsche Erstaufführung der prätentiösen Beziehungsversuchsanordnung „Nichts von mir“ des Norwegers Arne Lygre. Die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik rettet das etwas anämische Stück mit einer atmosphärisch dichten, fein gearbeiteten Inszenierung, indem sie das Personal der Versuchsanordnung, ein Mann und eine Frau, verdreifacht. Jeweils drei identisch aussehende Darsteller (Judith Engel, Gerrit Jansen, Corinna Kirchhoff, Anne Ratte-Polle, Owen Peter Read, Martin Rentzsch) spielen die Beziehungsdialoge des neuen, einander noch fremden Paares in dem modern, also hell, leer und unpersönlich eingerichteten Appartement durch: Wer bin ich (und wie viele) in dieser neuen Paarkonstellation, kann ich mich hier noch einmal neu erfinden, sind wir nur, was die anderen in uns sehen – diese Art von Fragen.

Das verdreifachte Paar absolviert seine wiederkehrenden Alltagsrituale (essen, duschen, rauchen) und die Choreografie der abgezirkelten Gänge mit einer Art somnambuler Auswegslosigkeit. Ab und zu taucht die Außenwelt in Form eines Ex-Mannes, der jeweiligen Mütter oder eines Sohnes auf. Aber weil auch das vielleicht nur Erinnerungen in einem endlosen Selbstgespräch sind, genügt es, sich einen dunklen Mantel überzuziehen, um diese Fremdkörper zu spielen. Weniger subtil inszeniert wäre dieser Trivial-Existenzialismus banal, hier bekommt er einen melancholischen Sog.

Sehr viel wuchtiger geht es auf der großen Bühne zu – einmal bilderverliebt und wenig stringent (bei „Caligula“), einmal hart, klar und im brutalstmöglichen Frontalangriffsstil (bei „Der kaukasische Kreidekreis“). Michael Thalheimers „Kreidekreis“ wird im Zentrum von einer Ausnahmeschauspielerin getragen: Stefanie Reinsperger ist als Magd Grusche, die sich für ein fremdes Kind aufopfert, eine unsentimentale Wucht. Die von Rührstückgefahr nicht ganz freie Parabel sozialer statt biologischer Mutterliebe ist hier ein (ebenfalls in Brechts Drama angelegtes) hart gezeichnetes Schlachtgemälde. Thalheimers Inszenierung erzählt vor allem von der Brutalität des Krieges, auch des Krieges der oberen Klassen gegen die unteren. Carina Zichner gibt ihrer zynisch gezeichneten Figur des Panzerreiters die nötige ­Soldateska-Mordlust.

Der Tragiker Thalheimer sprengt Brechts Dialektik-Märchenonkel-Sentenzen auf und zeigt auf der leeren, dunklen Bühne lauter ums nackte Überleben kämpfende Existenzen, knapp am Rand der Vertierung (oder darüber hinaus). Die einen verrohen wie die debil dauergrinsende ­Gouverneurin, die biologische, aber lieblose Kindesmutter (Sina Martens), weil sie der Egoismus von Macht und Reichtum um Verstand und Herz gebracht haben. Die anderen, weil sie sich unter dem Druck des Überlebens, der Angst, der Armut, größere Empfindsamkeiten nicht leisten können. Die zur Gemütlichkeit neigende Figur des Anarcho-Richters Adzak (Tilo Nest) ist hier ein launischer Clown. Die gerne rampenparallel spielenden, frontal ins Publikum sprechenden oder brüllenden Darsteller werden vom Licht aus der Dunkelheit gemeißelt wie schreckliche, überdeutliche Nachtmahre eines mittelalterlichen, bis heute anhaltenden Krieges: ein Alptraum, begleitet und vorangetrieben von einer nuanciert-harten Rockgitarre in angemessener, möglicherweise etwas zu ­dezenter Lautstärke (Musik: Bert Wrede). Eine Wucht, der entschlackteste Brecht, den man sich nur wünschen kann und vermutlich die klügste und radikalste Brecht-Deutung am Berliner Ensemble seit ­Heiner Müllers höhnischem „Arturo Ui“.

Für den poetischen Nebelwerfer und die schönen Geisterbahn-Bildideen samt einem Gefängnis aus Orgelpfeifen (Bühne: Matthias Koch) ist Antú Romero Nunes zuständig. Mit der Entscheidung, Camus’ Splatter-Klassiker „Caligula“ zu inszenieren, hat er sich keinen Gefallen getan. Aus dem römischen Nihilisten-Kaiser Caligula, der den Serienmord aus Langeweile als Kunstform betreibt, macht er zumindest keinen Trump-Verschnitt, was so ziemlich die plumpeste Karikaturen-Lesart mit einem Erkenntniswert von etwa Null gewesen wäre. Stattdessen müssen etwa anderthalb Regie-Ideen die Inszenierung tragen. Idee eins: Caligula ist ein Horrorclown, seine Killerfreuden sind ein blutiges (Theater-)Spiel. Idee zwei: Nihilismus ist attraktiv und zumindest ehrlicher als falsche Ideale und auch nicht tödlicher als zweckrational geführte Kriege. Nun ja. Ohne den Caligula von Constanze Becker, der amtierenden Großtragödienkönigin des deutschen Theaters (mindestens!) wäre das trotz Kettensägeneinsatz und Blutfontänen ein eher laues Lüftchen gewesen. Aber Becker macht aus Caligula einen so fiebrig-kalten Killer-Vamp, einen so hellsichtigen Irren, ein so überzeugend und völlig zurecht vom Leben und den Mitmenschen angeekeltes Monster, dass man am liebsten selbst zur Kettensäge greifen möchte, um es ihr nachzutun. Wie schön für Berlin, dass sie wieder an einem Berliner Theater spielt!

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte

Der Kaukasische Kreidekreis

Caligula

Nichts von mir

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