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Gespräch mit Daniela Löffner

Gespräch mit Daniela Löffner

tip Sie inszenieren ein merkwürdiges Theaterstück von Wolfgang Lotz, die eigenwillige Adaption von Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“. Was geschieht in diesem Stück?
Daniela Löffner Zwei Bundeswehrsoldaten werden losgeschickt, um einen Kameraden zu suchen, der in Afghanistan verschollen ist. Dort müssen sie sich durch den Regenwald kämpfen, der Autor behauptet einfach, dass Afghanistan ein Land im Dschungel ist. In diesem fiktiven Krisengebiet hat der verschollene Bundeswehroffizier im Wahn seine Kameraden erschossen. Die beiden Soldaten sollen ihn finden und seine Koordinaten durchgeben, damit er getötet werden kann. Auf der Suche nach diesem durchgedrehten Oberstleutnant geraten sie immer tiefer in den Dschungel, genauso wie in die finsteren Ecken ihrer eigenen Persönlichkeit. Sie begegnen den unterschiedlichsten abenteuerlichen Figuren: Ein penetranter serbischer Verkäufer taucht auf, ein somalischer Pirat, ein pädophiler britischer Geistlicher, ein italienischer Blauhelmsoldat. Irgendwann wissen sie nicht mehr, ob sie nicht längst auf dem besten Weg sind, genauso durchzudrehen wie der verschollene Oberstleutnant. Man weiß nicht, in welchem Kriegsgebiet man sich eigentlich befindet. Es ist kaum zu unterscheiden, ob der Wahnsinn, der dort herrscht, aus dem Krieg entsteht oder ob die Menschen wahnsinnig sind und deshalb Krieg führen.

tip Frisst die Wildnis, die Fremde, das Unbekannte sich langsam in diese ordentlichen Mitteleuropäer und braven Bundeswehrsoldaten hinein?
Daniela Löffner Genau, ihre Koordinaten und Werte geraten durcheinander. Am Anfang ist die Aufgabe völlig klar. Nach und nach lösen sich die vertrauten Koordinaten auf, sie scheinen sich völlig frei im Raum zu bewegen. Irgendwann ist die Orientierungslosigkeit die größte Kraft – und dann wird es natürlich spannend.

tip Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ erzählt, wie sich die Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei auflösen. Lotz findet daür eine verspielte, komische Form.
Daniela Löffner Ja, er arbeitet viel mit Humor. Aber dadurch wird es nicht platt oder harmlos. Das Stück hält eine schöne Balance zwischen Irrsinn und Schrecken. Dieser Irrsinn ist komisch, gleichzeitig werden die beiden Bundeswehrsoldaten langsam wirklich verrückt. Lotz zeichnet seine Figuren sehr kraftvoll. Und der Text hat seine unverschämten Seiten – das lüftet durch.

tip Dieses Auflösen von Vernunft und Ordnung ist ein bedrohlicher Vorgang. Weshalb ist bei Lotz diese Finsternis, die alles verschlingt, so lächerlich?
Daniela Löffner Weil diese vernünftigen Mitteleuropäer mit ihren Ordnungsvorstellungen in dieser Wildnis natürlich etwas komisch und lächerlich wirken.

tip Ist das eine Parodie auf die harten Männer bei Joseph Conrad?
Daniela Löffner Eine gute Parodie nimmt die Figuren ernst, sie trifft immer einen Kern, eine große Wahrheit. Ohne den wäre es nur lächerlich und nicht lächerlich finster. Diese Fremde ist auch wie ein Spiegel. Bei diesem britischen Geistlichen oder Sektenführer zum Beispiel, dem die beiden Soldaten begegnen, ist nicht klar, seit wann er in seinem Dschungelcamp ist und ob er vielleicht mal mit guten Absichten gekommen ist. Inzwischen ist er einfach nur noch sexuell an den Eingeborenen interessiert. In der Begegnung mit der Fremde treffen all diese Figuren auf ihre eigenen Perversionen.

tip Bei der Wiener Uraufführung spielten vier Schauspielerinnen die Figuren dieser Abenteuer- und Kriegerwelt, eine schöne Brechung. In Ihrer Daniela Löffner Inszenierung spielen Kathleen Morgeneyer, Moritz Grove und Alexander Khuon. Wen spielt Frau Morgen­eyer?
Die wahnsinnig gewordene Frau Oberstleutnant, die die beiden Soldaten suchen.

tip Also die monströse Figur, die in „Apokalypse Now“, Coppolas Verfilmung von Conrads Roman, ein bedrohlicher Marlon Brando verkörpert hat?
Daniela Löffner Genau. (lacht)

tip Ist das Stück von Lotz eine politisch unkorrekte Farce über den Clash der Kulturen?
Daniela Löffner Das kann man so sagen. Im besten Fall weiß man am Ende des Abends nicht mehr so genau, wer jetzt klarsieht und wer durchgedreht ist und woran man sich überhaupt orientieren soll.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Die lächerliche Finsternis Deutsches Theater Kammerspiele, So 14., So 21.12., 20 Uhr; Sa 27.12., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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