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Gespräch mit Herbert Fritsch

Herbert Fritsch

In den frühen Castorf-Jahren war Herbert Fritsch einer der extremsten Schauspieler im extremen Volks­bühnen-Ensemble. Mit „hamlet_X“ war er einer der ersten Regisseure und Medienkünstler, der das Internet für ein mäanderndes Kunstwerk als Fort­setzung der Bühne mit digitalen Mitteln entdeckte. Mit seinen so komischen wie hochvirtuosen Inszenierungen, rasanten Sprech- und Tanz-Operetten, hat er ein eigenes Genre von schönster Sinnfreiheit erfunden. Fritschs „Murmel Murmel“, „Die (s)panische Fliege“ oder „Ohne Titel Nr. 1“ an der Volksbühne sind prächtige Gute-Laune-Drogen.

tip Herr Fritsch, Sie inszenieren einen Abend mit Texten von Konrad Bayer. Heiner Müller sagt über Bayer, er sei der „interessanteste Autor“ der Wiener Konkreten Poesie gewesen: „Bayer war das wirkliche Genie dieser Gruppe und hat sich folgerichtig auch rechtzeitig umgebracht. Das sind die besten Texte aus der ganzen österreichischen Literatur.“
Herbert Fritsch Das kann ich bestätigen. Für mich ist Konrad Bayer interessant, wo er aus der üblichen Sprachform rauskippt und wo Sprache zu Musik wird. Das kann man eigentlich nicht mehr lesen. Das will gesprochen werden – oder gesungen. Das sind Texte, an denen man sich die Zähne ausbeißen kann, Texte, die wie Grafik auf der Seite angeordnet sind, zum Beispiel wie ein Gitter. Da erscheinen ganz seltsame, erschreckende Geschichten. Das erinnert mich an die Texte der Prinzhorn-Sammlung.

tip … Texte von psychisch Kranken.
Herbert Fritsch Ja, ich habe Lesungen dieser Texte gemacht. Bayer sagt selbst, dass die moderne Kunst von den Geisteskranken gelernt hat. Das stimmt, zum Beispiel bei Max Ernst und Paul Klee. Es gibt Texte von ihm, die bestehen über mehrere Seiten aus der Wiederholung einzelner Wörter. Vieles ist nicht linear, aber sind toll gebaute, rhythmische Sachen, extrem musikalisch. Bei Konrad Bayer bekommt man Mut zur eigenen Sprache. Ich kann Ihnen nicht sagen, worum es in diesen Texten geht, das müssen Sie sich schon im Theater anhören und ansehen. In dieser Konkreten Poesie werden die Texte zu Bildern. Konrad Bayers Texte faszinieren mich wirklich seit meiner Jugend, das hat mich von Anfang an total begeistert. Konrad Bayer verdanke ich definitiv den Drall ins Theater.

tip Ist es wichtig, dass Konrad Bayer im Wien der Nachkriegszeit nicht alleine, sondern Teil einer Avantgarde-Gruppe war?
Herbert Fritsch Ja, Oswald Wiener, Gerhard Rühm, Ernst Jandl. Aber Bayer war früher dabei, der hatte einen großen Einfluss auf diese Autoren. Die saßen mittags im Cafй Hawelka und haben zusammen Texte geschrieben, die sie am Abend zur Aufführung gebracht haben – wie eine Band. Es wäre toll, wenn man so Theater machen könnte. Jetzt bei den Proben merken wir, dass es für Schauspieler zunächst total ungewohnt ist, so etwas zu spielen. Ich sage den Schauspielern, bitte nicht literarisch werden – Bayer ist kein Schulbuch-Autor wie Brecht.

tip Weiß man, weshalb sich Konrad Bayer umgebracht hat?
Herbert Fritsch Das war ein Unfall. Er hat mit seiner Freundin immer ein Spiel gespielt: Er kam nach Hause, hat den Gasherd angedreht und seinen Kopf reingelegt. Wenn dann seine Freundin nach Hause kam, hat sie das Gas abgestellt, sie hat ihn oft gerettet. An einem Abend kam sie zu spät nach Hause.

tip Er hat mit dem Tod gespielt?
Herbert Fritsch Es gibt ja Texte, in denen er genau seinen Tod beschreibt, aber er beschreibt es als etwas Schönes, wie er das Gas mühelos atmet. Dann schläft er ein, und wie er aufwacht, scheint die Sonne, die Vögel zwitschern. So stelle ich mir komischerweise auch den Tod vor.

tip Ist der Konrad-Bayer-Abend wie eine Fortsetzung Ihrer radikalen Volksbühnen-Inszenierungen „Murmel Murmel“ und „Ohne Titel Nr 1“ – Inszenierungen ohne Handlung und Psychologie?
Herbert Fritsch Die Gruppe wurde bereits thematisiert und darum geht es hier und um Kontinuität. Ich arbeite seit Jahren mit dem Musiker Ingo Günther, der Bühnenbildnerin Victoria Behr und der Dramaturgin Sabrina Zwach als Team. An der Volksbühne kann ich Schauspieler besetzen, die mit meiner Art von Theater Erfahrung haben. So eine gemeinsame künstlerische Entwicklung ist immer gut, das gibt es viel zu wenig im Theater. Ich habe mit dem Team und diesen Schauspielern eine Kontinuität. Am liebsten würde ich an einem Haus mehr als eine Inszenierungen pro Jahr machen, ein Ensemble mitgestalten und eine künstlerische Heimat leben, um in dieser Kontinuität zu arbeiten. Das geht nirgends, und das ist einfach schade. Diese Texte von Konrad Bayer sind wahnsinnig schwer zu spielen. Wir haben an einem Drei-Minuten-Text, den wir im Chor sprechen, fast eine Woche geprobt. Vielleicht dauert der Abend am Ende nur 20 Minuten (lacht).

tip Macht es viel Arbeit, dass Ihre Inszenierungen so leicht und verspielt und überhaupt nicht nach Arbeit aussehen?
Herbert Fritsch Natürlich, das muss trainiert werden, sonst funktioniert es nicht. Ein Abend wie „Murmel Murmel“ ist ein Problem im Repertoire-Theater, wenn das zweimal im Monat angesetzt wird. Eigentlich müsste man das en suite spielen oder vor jeder Vorstellung eine Probe machen. Dass „Murmel Murmel“ noch nach der 40. Vorstellung hochpräzise ist, liegt allein an der Eigenverantwortung der Schauspieler – ohne diese Präzision geht es nicht. Man wirft mir ja Oberflächlichkeit und Trivialität vor – was Spaß macht, ist sofort verdächtig. Der Hanswurst wird immer noch vom Theater vertrieben. Wenn Kritiker schreiben, was ich mache, sei RTL-Niveau, weiß ich nicht, was sie gesehen haben.

tip Wird es nicht langsam unangenehm, immer nur als harmloser Spaß-Onkel abgestempelt zu werden?
Herbert Fritsch Ja, klar. In jeder Kritik steht, dass ich nur albernen Klamauk mache. Wenn die Kritiker nicht mehr sehen können, kann ich ihnen auch nicht helfen. Was ich mache, soll ja Spaß machen, was ist daran so schlimm. Mir kommen Leute, die an den Theatern routiniert den Ernst zelebrieren und ungeheuer bedeutungsvoll tun, dermaßen albern vor. Diese behauptete Tiefe ist doch auch nur ein Gestus, es reicht, auf der Bühne zu stehen und sehr bedeutend zu schauen. Manchmal schert in meinen Inszenierungen plötzlich ein Schauspieler aus und spielt kurz den ganz tiefen Ernst, das ist lustig. Ein Künstler wie Blinki Palermo interessiert mich, nicht diese Tiefsinns-Darsteller im Theater. Blinki Palermo hat Bilder gemalt von einer großen Einfachheit, die reine, pure Oberfläche. Er hat ein etwas wildes Leben geführt und ist, wie Konrad Bayer, auch nicht alt geworden. Diese Einfachheit kann mir mehr erzählen, als jemand, der mit einer wahnwitzigen Kompliziertheit daherkommt. Wir sind in dem ganzen Medien-Irrsinn sowieso dauernd von Riesenkompliziertheiten umgeben. Da ist es toll, wenn Konrad Bayer einfach schreibt

EIN UND
EIN UND
EIN UND
EIN UND
EIN UND
EIN UND
EIN UND
EIN UND
EIN UND

So eine Reduktion ist doch toll, aber natürlich nur, wenn man diese Silben und diesen Rhythmus total ernst nimmt. Wir haben bei „Murmel Murmel“ natürlich bei jedem „Murmel“ genau hingehört. Die Marx-Brothers haben aus den dünnsten Stoffen, durch die Art, in der sie gespielt haben, große Kunst gemacht. In meinem Theaterverständnis und in meinen Inszenierungen werden Inhalte anders vermittelt, als gemeinhin – über die Sprache – erwartet. Schauspieler sind Künstler, nicht einfach Sänftenträger von Wichtigtuereien und Geschwätz.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

der die mann in der Volksbühne, ?Karten-Tel.: 240 65 777

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