• Kultur
  • Gespräch mit Josef Ostendorf

Kultur

Gespräch mit Josef Ostendorf

Gespräch mit Josef Ostendorf

tip Herr Ostendorf, Sie geben in Christoph Marthalers „Letzte Tage. Ein Vorabend“ einen „in der Geschichtsschleife hängen gebliebenen Europäer“. Was ist das für ein Herr?
Josef Ostendorf Das ist Karl Lueger, ein österreichischer Politiker, der Anfang des letzten Jahrhunderts Bürgermeister von Wien war. Ich lese zu Beginn der Aufführung eine antisemitische Rede, die er im österreichischen Parlament gehalten hat. Dort, im alten Parlament, haben wir auch die Premiere vor einem Jahr aufgeführt. In der Rede kommen so unfassbare Sätze vor wie: „Der Antisemitismus wird verschwinden, wenn der letzte Jude verschwunden sein wird.“ Das ist der gemütliche österreichische Antisemitismus, ganz unaufgeregt. Dass das so leise und völlig selbstverständlich ist, macht es besonders unheimlich. Bis vor zwei Jahren gab es in Wien auch noch den Karl-Lueger-Ring und den Karl-Lueger-Platz, das wurde erst vor Kurzem umbenannt. Der Antisemit Lueger war übrigens schwul, was natürlich niemand wissen durfte. Er hat sich mit seinem Kutscher, der sein Liebhaber war, begraben lassen.

tip Wovon handelt Marthalers Inszenierung?
Josef Ostendorf Es geht vor allem um die Musikstücke jüdischer Komponisten, die Uli Fussenegger, der musikalische Leiter der Aufführung, ausgegraben hat – Werke von Viktor Ullmann, Szymon Laks oder Erwin Schulhoff, Komponisten, die man heute kaum noch kennt. Viele dieser Werke wurden im Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben, und viele dieser Komponisten, zum Beispiel Viktor Ullmann, wurden in den Konzentrationslagern von den Nationalsozialisten umgebracht. Diese Musik zu hören, hat uns sehr berührt. Nach dem Krieg hat sich der Klassik-Betrieb in Deutschland nicht sehr für diese ermordeten Komponisten interessiert. Das hat ja sicher auch mit Verdrängung und Schuldgefühlen zu tun. Ein NSDAP-Mitglied wie Herbert von Karajan wollte vermutlich lieber nicht an die ermordeten jüdischen Komponisten erinnert werden. Das war ein Anliegen von Christoph Marthaler und Uli Fussenegger, mit unserer Aufführung diese Musik wieder etwas bekannt zu machen. Eigentlich ist die Aufführung eine Geisterstunde. Die Ermordeten und die Gespenster der Vergangenheit sind plötzlich im Raum. Wir müssen uns nichts vormachen, so vergangen und weit weg ist das alles nicht. Neben der Rede von Lueger hören wir in der Inszenierung auch Aussagen einer furcht­baren rechtspopulistischen österreichischen Politikerin von heute, das ist rassistische Hetze. Oder Aussagen des ungarischen Ministerpräsidenten Orbбn, purer Rassismus. Was in Ungarn, direkt in unserer Nachbarschaft, seit Jahren an offenem Antisemitismus stattfindet, ist unfassbar. Was Lueger vor 100 Jahren an antisemitischen Tiraden im Parlament von sich gegeben hat, das ist alles noch da.

tip Verschmelzen in der Inszenierung die Zeiten vom Beginn des 20. Jahrhunderts über den Nationalsozialismus bis heute?
Josef Ostendorf In den Abenden von Christoph Marthaler ist Zeit etwas Besonderes, diese Stücke haben immer etwas Zeitloses. Es wirkt, als ob die Menschen auf der Bühne dort schon seit 100 Jahren sitzen oder noch länger. Das ist immer nicht ganz real, so, als wären das Übrig­gebliebene aus einer anderen Zeit, die nur noch mit sich selbst reden.

tip War es für die Uraufführung in Wien wichtig, dass Sie sie am Tatort, im alten Parlament, aufgeführt haben?
Josef Ostendorf Ja, sicher. Aber auch, als wir es in Paris in einem großen Theater gespielt haben, war das Publikum wahnsinnig aufmerksam. Im Publikum in Paris waren sehr alte Menschen, ich glaube, viele jüdischer Herkunft, auch Überlebende, die den Nationalsozialismus erlebt und Angehörige in den Vernichtungslagern verloren haben. Vor diesen Menschen zu spielen, hat uns sehr berührt.

interview: Peter Laudenbach

Foto:
Tamara Lorenz

Letzte Tage. Ein Vorabend in der Staatsoper im Schiller Theater, ?Di 2., Mi 3., Fr 5., Sa 6.9., 20 Uhr, So 7.9., 15 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

Mehr über Cookies erfahren