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„Gesundheit!“ von Peter Laudenbach

Achtung! Theater gefährdet Ihre Gesundheit! Und derzeit nicht nur die durch übermäßigen Theaterbesuch ohnehin angeschlagene geistige Gesundheit, sondern auch die körperliche Unversehrtheit. Die Geräusche, die man derzeit am häufigsten in Berliner Zuschauerräumen hört, sind nicht etwa Beifall, Buhrufe oder Gelächter. Was man hört, ist ein bedroh­liches Röcheln, ein fiebriges Husten, ein mühsam unterdrücktes Niesen, ein finales Stöhnen. Das Theater, ein einziges Sanatorium moribunder Erkältungs- und Grippe­patienten im Endstadium.
Man weiß nicht, ob sie ins Theater gehen, weil sie sich davon Linderung ihrer Leiden, gar Genesung versprechen. Oder ob sie im Gegenteil den Theaterbesuch der letzten Ölung vorziehen, der Kunst­genuss als Hilfe zum humanen Sterben. So bekommt das Theater zumindest in der Grippesaison, was man oft so schmerzlich in ihm vermisst: eine existenzielle Dimension. Dank des regen Virenaustauschs im Publikum wird der Sitznachbar unfreiwillig zur gefährlichen Risiko­quelle und Theaterkritik zum selbstmörderischen Job für unerschrockene Stoiker oder Leute, die wissen, dass ihnen auf Erden ohnehin nicht zu helfen ist. Das tödliche Theater ist ganz im Sinne des alten Zynikers Heiner Müller, für den Theater im Kern nichts anderes als „Verwandlung“ ist – und „die letzte Verwandlung ist der Tod“. Gute Besserung.

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