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„?The Ghosts“ an der Schaubühne

Andrй Heller ist schuld. Mitte der Achtziger holte der Wiener Impresario chinesische Artisten mit der Show „Begnadete Körper“ nach Europa. Diverse Fernsehgalas mit asiatischen Schlangenmenschen folgten, und seither verbindet sich hierzulande das Bild von chinesischer Artistik mit der Vorstellung begnadeter Virtuosen, eingesponnen in schillernde Seide und einen Hauch Exotik, Fabelwesen fern jeder Erdschwere.
Constanza Macras bringt jetzt die Schwerkraft zurück. Die Choreografin hat für ihre neue Inszenierung „The Ghosts“ sechs chinesische Artisten nach Berlin geholt. Anders als der Kitschier Heller trennt sie die Akrobatik nicht von den sozialen Bedingungen, unter denen sie entsteht. Macras ist seit vielen Jahren von der Körperbeherrschung der asiatischen Artisten fasziniert. „Aber noch spannender war es, hinter das stilisierte Lächeln zu blicken und zu ihrem Alltag vorzudringen“, sagt die Choreographin. Mit Hilfe des Goethe-Instituts recherchierte sie mehrere Wochen in China und suchte Kontakt – was nur schleppend anlief. Zum Casting der Choreographin, der die Tänzer in Berlin die Türen einrennen, erschienen gerade mal sieben Artisten. Das Misstrauen in der Branche ist groß, über soziale Probleme wird nicht gerne gesprochen.
Wer es als Artist nach jahrelangem Drill nicht in die wenigen staatlichen Eliteinstitutionen des Landes schafft, wird von wechselnden Truppen angeworben und lebt überwiegend unter desolaten Bedingungen.
Den meist sehr jungen Künstlern bleibt nur kurze Zeit im Beruf. Die meisten verlieren nach wenigen Jahren ihren Job, ohne jede Absicherung und Perspektive. Wie der Onkel der 15-, 17- und 21-Jährigen Schwestern, die in „The Ghosts“ ihr Können zeigen. Ihre Biografien sind in die Arbeit eingeflossen, ihr Onkel wurde mit gerade mal Mitte 20 auf den Altenteil abgeschoben. Macras zieht Parallelen zu den China beliebten Geistergeschichten: Vorfahren, die, einst angesehen und geliebt, nicht mehr zu ihren Familien zurückfinden können, gehen als Geister um.
Der Sturz von der Zirkuskuppel in die Verarmung ist Folge des ökonomischen Drucks in einer brutal auf Leistung fixierten Gesellschaft. Gebremst wird der Fall, hat Macras beobachtet, allerdings häufig durch familiären Gemeinsinn. Im sozialen Netz der Zirkusfamilien steigen die nächsten Familienmitglieder für den Unterhalt der anderen in die Manege.
Hört man Macras zu, wie sie leidenschaftlich gestikulierend von diesen sozialen Widersprüchen berichtet, vergisst man fast, dass sie an einem Tanzstück arbeitet. Es wird für sehenswerte Gegensätze sorgen. Denn Macras und ihr Ensemble Dorky Park, die schon mit Neuköllner Jugendlichen oder Roma-Familien gearbeitet haben, lassen verschiedene Kulturen im wahrsten Sinne des Wortes aufeinanderprallen.
„Es ist verblüffend, diese jungen Artisten kontrollieren und verbiegen Ihren Körper auf jede erdenkliche Weise, aber wenn ich ihnen sage, bewegt Euch auf der Bühne ganz frei, werden sie steif“, erzählt Macras. Genau mit diesem wechselnden Vermögen von Artisten- und Tänzerkörpern spielt ihre Inszenierung. Daneben darf man erwarten, dass Teller, Menschen und vieles mehr virtuos jongliert wird oder durch die Luft fliegt. Am spannendsten könnte der Blick in die Gesichter der Artistinnen und Artisten werden. Macras hat ihnen für die Aufführung das antrainiert aufgesetzte Lächeln strikt verboten.

Text: Sabine Schouten

Foto: Manuel Osterholt

Schaubühne Do 3. – Sa 5.9., Mo 7., Di 8.9., 21 Uhr, ?Karten-Tel.: 890023

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