Deutsche Erstaufführung

„Girls & Boys“ von Dennis Kelly am BE

Schlechter Sex ist auch keine Lösung – Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen

Foto: Matthias Horn

Der innerfamiliäre Kindsmord hat seit der Antike und Medea eine ehrwürdige Tradition auf dem Theater. Der britische Routinier Dennis Kelly setzt sie in seinem Monolog „Girls & Boys“ effektbewusst fort. Aber weil er sich nicht an der Mythologie, sondern an der Statistik orientiert, die sagt, dass über 95 Prozent der Täter Männer sind, wird in seinem Stück der Vater, nicht die Mutter zum Mörder der eigenen Kinder. Erzählt wird das von der Mutter, die sich an ihr vergangenes Leben erinnert, wie an etwas, das ihr jetzt sehr unwirklich vorkommt.

Wie jeder Alptraum beginnt der Monolog scheinbar harmlos. Es ist die Erzählung einer genre-üblichen Sinnsuche: verkorkste Beziehung, öder Job, eine Experimentierphase mit Drogen und viel schlechtem Sex, ein Ausbruchsversuch auf einer ziellosen Reise, die zufällige Begegnung mit einem Fremden in der Warteschlage eines Flughafens in Italien, das neue Leben mit dem endlich gefundenen Mann. Diesem Part mit hoher Pointendichte und der flachen Coolness merkt man etwas zu deutlich an, dass Kelly sein Geld als Sitcom-Autor verdient. Die Figur besteht aus clever montierten Klischeeversatzstücken, jede Situation ist vor allem eine Startrampe für sarkastische Kommentare: „Sex mit euch wäre nur ein Akt der Nekrophilie.“ Man muss ­Stefanie Eidt, die die deutsche Erstaufführung im Kleinen Haus des Berliner Ensembles spielt (Regie: Lily Sykes), dafür bewundern, wie sie aus diesen Sitcom-Comedy-Scherzen eine lebendige Figur macht, eine illusionslose, aber nicht abgebrühte Frau, die mit Entschlossenheit versucht, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Leider bleibt auch die erinnernde Beschreibung der Ehe und des Schlitterns in die unmotiviert wirkende Katastrophe seltsam beliebig und ausgedacht: eine Firmenpleite, die gegenseitige Entfremdung, das Scheitern der Ehe als routiniert abgehakte Stichworte. Der zwecks Spannungsaufbaus im Vorfeld angedeutete, dann aber abrupt gesetzte Schock des Mordes wirkt so zufällig und beliebig, dass er nicht wie der Blick in den Abgrund, sondern nur wie ein kalkuliert gesetzter Effekt-Geschmacksverstärker wirkt.

Für ein Theater, das die Gegenwartsdramatik (und die Behauptung, mit ihr sei die Gegenwart zu erfassen) ins Zentrum seiner Arbeit gerückt hat, ist das ein arg schwacher Abend.

Berliner Ensemble Kleines Haus, Sa 24., So 25., Di 27.3., 20 Uhr, Karten 13/18 €

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