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„Glanz und Elend der Kurtisanen“ an der Volksbühne

GlanzUndElendDerKurtisanen_c_-LSD_Slash_LenoreBlievernichtWie sich der vermeintlich authentische Mensch zum Affen macht, führt Martin Wuttke höchst komisch mit dünner Ganzkörperbehaarung und verzauselter Langhaarperücke vor. Aber weil wir bei Renй Pollesch sind, ist Wuttkes Affen-Nummer so etwas wie ein gespielter Witz: Das kommt davon, wenn man ganz authentisch sein will. Pollesch variiert in seiner neuen Volksbühnen-Inszenierung „Glanz und Elend der Kurtisanen“ ziemlich lustig eines seiner Lieblingsthemen: Illusionen des Authentischen versus hochreflektiertes Vergnügen am Spiel, das weiß, dass sozialer Austausch nur mittels Fiktionen, Masken, Rollen, eben als Spiel möglich ist. Dafür, dass dieses Spiel den nötigen Glamour entwickelt, ist eine bestens gelaunte Birgit Minichmayr zuständig. Für Wuttkes Affen-Männchen hat sie nur spöttische Blicke übrig, lieber berichtet sie vom Auftritt einer anderen Diva, der Britin Fiona Shaw: Wenn Shaw vor ihrem Theaterauftritt aus dem Taxi steigt, elegant, perfekt gestylt und ihre Umgebung mit huldvollem Lächeln auf Distanz haltend – dann ist das natürlich eine hinreißende Szene im Theater des sozialen Miteinanders. „Hier im öffentlichen Raum konnte man doch mal ausdrucksvoll eine Geschichte erzählen! Und jetzt meckern alle, das wäre nicht authentisch genug“, ruft die theatertheorieinteressierte Diva Minichmayr.

Theater ist hier nicht die Suche nach dem tief empfundenen Ausdruck, sondern die Polemik dagegen: Lee Strasberg wohnt hier nicht mehr. Der Abend ist ein schönes Paradox: Indem Polleschs Performer dauernd darüber reden, dass Kommunikation nur als Spiel möglich sei, verweigern sie dem Theater genau das in ihm übliche Spiel. Dafür, dass Polleschs Denkspiel sich nicht nach Seminarraum anfühlt, sorgen nicht nur die Schauspieler, neben Minichmayr und Wuttke Christine Groß, Franz Beil und Trystan Pütter, sondern vor allem Bert Neumanns glamourhaltige Bühne: Der weite Rundhorizont ist mit einem silbernen Flittervorhang geschmückt, dessen Fäden anmutig im Luftzug flirren. Gegen Ende schwebt ab und zu sinnfrei, aber hübsch ein großer Fesselballon durchs Bild.

Mit Balzacs Roman um den genialen Verbrecher Collin und die verliebte Prostituierte Esther, dessen Titel Pollesch als schön reißerische Überschrift für seinen Abend zitiert, hat das natürlich nur sehr indirekt und am Rande zu tun. Dass Collin immer wieder seinen Namen wechselt, gefällt Pollesch logischerweise, schließlich ist Identität auch nur eine soziale Konstruktion – also tritt Wuttke mal im schwarzen Abbй-Kostüm, mal im adretten Kleidchen auf. Also wechseln alle Darsteller permanent ihre Figuren-Namen und bedienen sich dabei als Odile, Arthur und Franz auch gerne an Textpassagen aus Godards Film „Bande а part“: „Jetzt wird es wieder Zeit, uns mit den Gefühlen der drei zu befassen.“

Text: Peter Laudenbach

Foto: LSD | Lenore Blievernicht

tip-Bewertung: Sehenswert

Glanz und Elend der Kurtisanen ?Volksbühne, Sa 28.9., So 6., So 13.10., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 24 06 57 77

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