Theater

Gott des Gemetzels

Vermutlich am 23. April hat Gott Geburtstag, zumindest der Gott des Theaters. An diesem Tag vor 450 Jahren erblickte in einem englischen Kaff namens Stratford-upon-Avon ein Knabe das trübe Licht der Welt, der in ­seinen 52 Lebensjahren einige der schönsten, wildesten, romantischsten, blutigsten, ­kompliziertesten, geilsten, tiefsinnigsten und erstaunlichsten Dinge geschrieben hat, die je ein Mensch zu Papier bringen konnte. ­William Shakespeare hat, einem berühmten Bonmot zufolge, nach Gott am meisten geschaffen.

Ob Generationengerechtigkeit („King Lear“, den Peter Stein neulich in Wien als Klagegesang eines alten Mannes über die undankbare Jugend inszeniert hat), Post­kolonialismus („Der Sturm“), Blackfacing und Rassismus („Othello“), die Macht der Banken („Der Kaufmann von Venedig“), die soziale Konstruktion der Geschlechtsidentität („Was ihr wollt“), Burn-out und Depression („Hamlet“) – jedes Mode-Thema ist bei Shakespeare schon besser verhandelt worden. Nebenbei hat er Hollywood erfunden. Ist der krebskranke Walter White nicht ein naher Verwandter des verkrüppelten ­“Richard III.“, der immer weiter morden muss, damit dieser Rausch aus Blut und Macht nie aufhört, und einfach, weil er es so gut kann?

Was ist an „House of Cards“ mit dem Vergnügen an der gekonnt ins Werk gesetzten Intrige und dem offensiven Desinteresse an so altmodischem Kram wie Moral anders als eine „Macbeth“-Variation unter den Verhältnissen von Washington D.?C.? Und was sind der Horror von „Saw“, Hannibal Lecters Speiseplan und die Matsche aus Blut und Gehirnmasse, die bei Tarantino lustig gegen die Wände spritzt, schon gegen Shakespeares „Titus Andronicus“, in der dem Opfer einer Gruppenvergewaltigung Hände und Zunge abgeschnitten werden, damit sie die Täter nicht verrät, ein Mann dazu gebracht wird, sich selbst seine Hand abzuhacken, und eine Mutter das geschmackvoll angerichtete Fleisch ihrer ermordeten Söhne zum Dinner verspeist? Um das zu sehen, geht man doch gerne ins Theater.

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