Theater

Grips-Leiter Stefan Fischer-Fels im Gespräch

Foto: Andy_Rumballtip: Wie geht’s, eine Woche vor dem Beginn Ihrer Intendanz am Grips Theater?

Stefan Fischer-Fels: Ich bin wahrscheinlich zum letzten Mal entspannt … (lacht). Seit zwei Jahren weiß ich, dass ich die künstlerische Leitung am Grips Theater übernehmen und die Nachfolge von Volker Ludwig antreten werde. Volker Ludwig und ich haben über mehrere Monate darüber geredet, wie wir die Aufgaben zwischen uns aufteilen. Er bleibt dem Grips ja als Gesellschafter, Geschäftsführer und Autor verbunden. Aber für die künstlerische Ausrichtung bin ich verantwortlich. Jetzt freue ich mich darauf, dass es endlich losgeht.

tip: Wenn Volker Ludwig irgendwann eine Inszenierung, die Ihnen wichtig ist, ganz fürchterlich finden sollte, wäre das sein Problem, und Sie würden die Produktion weiter im Spielplan halten?

Fischer-Fels: Im Prinzip ja. Dass er sich für mich als künstlerischen Leiter entschieden hat, bedeutet auch, dass er mir vertrauen muss, auch wenn ich neue Wege gehe.

tip: Sie treten in große Fußstapfen. Volker Ludwig hat mit dem Grips Theater ein neues Genre im Kindertheater erfunden, er hat das Grips 1969 gegründet, es mit Liedern und Stücken versorgt, den Dauer-Hit „Linie 1“ geschrieben und das Theater über bewegte 42 Jahre geleitet. Wie ist es, das Lebenswerk eines großen Theatermachers fortzusetzen?

Fischer-Fels: Stimmt, das sind große Fußstapfen. Ich war hier zehn Jahre Dramaturg, von 1993 bis 2003. In der Zeit hatte ich immer das Gefühl, dass die Idee des Grips Theaters nicht nur an der Person Volker Ludwig hängt, sondern an einer bestimmten Art, Theater zu machen. Ein Autor wie Lutz Hübner, den ich damals entdeckt habe, oder die  Regisseurin Franziska Steiof haben ihre eigenen Handschriften und trotzdem unverkennbar Grips Theater gemacht. Volker Ludwig hat das zugelassen und sich über den Erfolg der jüngeren Kollegen gefreut. Als Autor ist er natürlich sehr prägend. Aber das Grips Theater hat auch immer wieder mit jungen Autoren zusammengearbeitet, zuletzt mit Dirk Laucke.

tip: Wie würden Sie diese „Idee des Grips Theaters“ beschreiben?

Fischer-Fels: Es ist ein Theater, das auf eine komödiantische, menschenfreundliche Weise Entwicklungen und nicht Zustände zeigt. Im Grunde erzählen wir Stücke, die auch als Tragödien enden könnten, man schaut in den Abgrund, aber dann schaffen sie es noch gerade, ans rettende Ufer zu kommen. Grips ist Theater ohne Zeigfinger. Putz dir die Zähne und sei nett zu Ausländern, solche Plattitüden gibt es hier nicht. Zu diesem Theater gehört es, sich mit der Stadt und den Menschen, die hier leben, zu beschäftigen, speziell aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, das ist unsere Lebensader. Wir wollen Kindern nicht die Welt erklären, wir wollen wissen, wie Kinder die Welt sehen. Ein Thema, das mich beschäftigt, ist Inklusion und Exklusion, also soziale Ausgrenzung: Wer gehört dazu, wer fällt raus.

tip: Was wollen Sie anders machen als Volker Ludwig? Ändert sich zum Beispiel die ewige 80er-Jahre-Rockmucke der Grips-Hausband?

Fischer-Fels: Das sind sehr gute Musiker, die können mehr als diesen Sound, das wird man auch hören. Was ändert sich? Mich interessiert die nächste Generation, ich will junge Autoren und Regisseure fragen, wie sie mit der Grips-Idee umgehen würden. Programmatisch dafür zeigen wir am 18. August „Demian“, eine preisgekrönte Inszenierung als Übernahme aus dem Jungen Schauspielhaus Düsseldorf …

tip: … das Sie bis Ende letzter Spielzeit geleitet haben.

Fischer-Fels: Genau, das ist meine Visitenkarte. Daniela Löffner, eine junge Regisseurin, hat Hermann Hesses Jugenderzählung entstaubt und mit einer sehr wahrhaftigen Spielweise in die Gegenwart geholt. Das ist weniger kabarettistisch zugespitzt, es geht weniger um die Pointe als um die Situation und die Gefühle der Figuren. Wir machen hier weiter Theater, das mit der sozialen Wirklichkeit zu tun hat, aber die künstlerischen Formen werden in Zukunft sehr viel vielfältiger sein als bisher.

tip: Wie kamen Sie selbst als junger Dramaturg ans Grips Theater?

Fischer-Fels: Um ehrlich zu sein, ich war als junger Mensch völlig orientierungslos. Ich habe Schauspieler gelernt und Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie studiert. Ich kam nicht als Kind, sondern erst als Student als Zuschauer ins Grips Theater, in eine Vorstellung vor 400 Kindern. Der Jubel kannte keine Grenzen, und ich dachte, toll, so kann Theater sein, so direkt, so unmittelbar in der Wirkung. Das war es. Ich bin selbst wie ein Kind, wenn ich Theater schaue. Entweder es begeistert mich, oder ich fange an, über die Steuernachzahlung nachzudenken. Im Grips Theater habe ich noch nie über meine Steuererklärung nachgedacht …

Das gesamte Interview von tip-Redakteur Peter Laudenbach lesen sie im akteullen tip 18/2011.

Demian Grips Theater, Do 18.8., 19.30 Uhr

Schöner Wohnen Grips Theater, Premiere: Fr 2.9., 19.30 Uhr

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