Theater

Großartig: Arabboy im Heimathafen Neukölln

ArabboyAuf den ersten Blick passt das natürlich wie die Faust aufs Auge: Hüseyin Ekici (18) ist ein Neuköllner Jugendlicher mit Migrationshintergrund und Gewaltbiografie, genau wie Rashid A., den er jetzt auf der Bühne spielt. „Arabboy“ heißt das Stück, es beruht auf einer heftigen Kolportage über Leben und Sterben im Neuköllner Rollbergviertel. Vor zwei Jahren hat es der Doku-Roman der Neuköllner Sozialarbeiterin Güner Yasemin Balci auf die Bestsellerlisten geschafft. Im kleinen Theater Heimathafen Neukölln ist derzeit die Uraufführung zu sehen – mit Ekici in der Titelrolle.
Rashid ist Araber, geht statt in die Schule lieber in den Jugendtreff, um Sozialarbeiter zu schikanieren, oder gleich zum Bordellbesitzer um die Ecke in die Lehre. Er prügelt und vergewaltigt und nimmt beides mit dem Handy auf. Er richtet einen „Fickkeller“ ein, nimmt Drogen, wird abhängig, dann verhaftet und abgeschoben. In der Türkei stirbt er. Autorin Balci legt Wert darauf, dass dem Ganzen eine wahre Geschichte zugrunde liegt. Um die Geschichte aus Wut und Ausweglosigkeit glaubhaft auf die Bühne zu bringen, hat Regisseurin Ni­cole Oder genau so einen gesucht: „Einen jungen Schauspieler mit Migrationshintergrund – der das über­zeugend spielen kann.“ Dass Hüseyin in einem ähnlichem Milieu aufgewachsen ist – umso besser. Ein paar Anzeigen und ein wenig Polizeierfahrung steigern die Glaubwürdigkeit. Das ist ein bisschen wie bei den Rappern.

ArabboyDoch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn erstens will Hüseyin Ekici nicht mit seiner Herkunft hausieren gehen. Es scheint ihm fast ein wenig unangenehm zu sein, wenn er Sachen sagt wie „Neukölln hat mich gelehrt, was es heißt, arm zu sein“. Und genau genommen ist seine Biografie auch eher ein Gegenentwurf zu der seines Bühnencharakters Rashid – auch wenn er zugibt, solche Sachen wie den „Fickkeller“ auch aus dem eigenen Leben zu kennen. Der junge Neuköllner hatte ein Ziel. „Ich wollte schon als Kind Schauspieler werden“, sagt er, „das war immer mein Traum, wenn ich vor dem Fernseher saß“. Er guckte Charlie Chaplin und Jackie Chan – „also alles, was lustig“ ist, er mochte Filme wie „Green Mile“ und „Das Parfum“. „Das hört sich jetzt ein bisschen schwul an“, sagt er fast entschuldigend, „sind aber geile Filme.“ Er bewarb sich bei Agenturen und bekam erste Rollen als Komparse in ein paar Filmen. Für eine Schauspielausbildung war noch keine Zeit, aber gerade bewirbt er sich bei der Ernst-Busch-Hochschule.

ArabboyBis dahin sieht er sich stolz als „Ghetto-Actor„. Hüseyin spielt mit der unbekümmerten Begeisterungsfähigkeit eines Hundewelpens und der Geradlinigkeit eines Boxers. Sein Rashid ist sensationell. „Ich fand ihn von Anfang an bestechend“, sagt die Regisseurin Nicole Oder. „Nicht wegen der Parallelen in seiner Biografie, obwohl wir unbedingt einen Schauspieler mit Migrationshintergrund haben woll­ten, sondern weil er talentiert ist und ehrgeizig und sehr schnell lernt.“ Und das mit Ekicis Biografie war dann doch noch ganz gut. Nicht so sehr wegen der Authentizität der Rolle, sondern für die Ausstattung: Hüseyin wuss­te nicht nur, wo man die richtigen Ghettoklamotten bekommt, sondern auch, wie man so einen „Fickkeller“ innenarchitektonisch korrekt ausstattet.
Neben Ekici sorgen Sinan Al-Kuri und die großartige Inka Löwendorf, die sonst im Problemkiez Volksbühne spielt, für schauspielerische Bodenständigkeit. Zu dritt machen sie „Arabboy“ zu einem so großartigen wie beklemmenden Theaterabend.

Text: Björn Trautwein
Fotos: Ulrich Leitner

Termine Arabboy
im Heimathafen Neukölln (Adressse/Googlemap, z.B. 30.+31.3.2010

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