Theater

Gunther Geltingers zweiter Roman „Moor“

Gunther Geltinger

„Alle Kinder hat der Storch gebracht, nur Dion nicht, den hat das Moor gemacht“, spotten die Kinder im Dorf. Libellen sammelt Dion Katthusen. Und nicht mal seinen eigenen Namen, der für die anderen so seltsam klingt, kann er sagen, ohne dabei zu stottern. Der Buchstabe K ist sein größter Feind. Marga, die Mutter, so munkeln alle, verkauft nicht nur Kleider, sondern ihren Körper in der großen Stadt. Am liebsten wäre sie Malerin und niemals nach Fenndorf gezogen. Dions Vater, inzwischen im Moor versunken, hat sie einst hierher gelockt mit leeren Versprechen. Doch der Alltag ist morastig-trist bei den Fenndörflern, die ihr Geld mit dem Torf aus dem Moor machen. Da bleibt viel Zeit fürs Lästern und Mutmaßen über Moorleichen und andere Opfer.
Geltinger, 2009 Stipendiat am Literarischen Colloquium, 2011 ausgewählt zum Bachmann-Preis, 2013 mit „Moor“ nominiert für den Wilhelm-Raabe-Preis, hat wie schon bei seinem grandiosen Debüt „Mensch Engel“ ein sprachmächtiges Wagnis vorgelegt: schimmernd-ambivalente Figuren, deren Träumerei sich entlarvt wie die leitmotivischen Libellen, die nun mal nur einen Sommer leben.
Dion, dem Ausgegrenzten, dessen Sprache nicht intakt ist, fällt es selbst schwer, Grenzen zu setzen, sich zu wehren. Eine unterwürfige Faszination hegt er für seinen Cousin, den groben Bauerburschen Hannes. Empathie für und Eifersucht auf das Glasknochenmädchen Tanja. Bei ihnen sucht er vergeblich, was er schon von der Mutter nicht bekommen konnte: Schutz durch Familie. Marga ist nicht bloß süchtig nach den langen Blicken fremder Männer: Ihr Scheitern als Künstlerin verdrängt sie durch eine maßlos intime Nähe zu Dion.
Geltinger läuft hier dank seiner subtil-stimmigen Erzählweise nie Gefahr, seine Figuren ins Klischee driften zu lassen: Das Moor selbst erzählt, ohne zu psychologisieren, die Geschichte vom Ende der Kindheit Dions. Der Roman ist aus der Perspektive dieser Landschaft geschrieben. Und Geltinger spielt auf den unterschiedlichsten Sprachregistern, die das unfassbar Verletzt-Verletzende eindringlich nahebringen und der schnellen Deutung entziehen: von explizit bis hochpoetisch.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Juergen Bauer

tip-Bewertung: Herausragend

Gunther Geltinger: „Moor?“, Suhrkamp, 440 Seiten, 22,95 Ђ

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