Theater

Gutes Wedding, schlechtes Wedding – Folge 100

Constanze Behrens

Fürs Erste bleibt der Wedding hipsterfrei. Jedenfalls auf der Bühne. Und das liegt auch nur daran, dass diese bärtigen Menschen mit dem Dutt so wenig Angriffsfläche bieten. Vom Äußeren mal abgesehen. Constanze Behrends, die um satirische Inspiration eigentlich nie verlegen ist, deutet ins Rund des Restaurants im Soho-House, wo sie die meisten ihrer Texte schreibt, und stellt nüchtern fest: „Hipster haben nichts. Man kann nur jemanden parodieren, der für irgendetwas steht“.
Wie zum Beispiel Dönertaxifahrer. Kiezschlampen. Sächselnde Schreckschrauben vom Arbeitsamt. Aromatherapeutinnen. Oder Schwaben in der Männerstillgruppe. Alles Figuren aus der Sitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ (GWSW), die Behrends 2004 erfunden hat und deren 100. Folge jetzt am Prime-Time-Theater ins Haus steht. Titel: „Wedding-Story“. Eine vergleichbare kulturelle Erfolgsgeschichte hat der Kiez mit dem bröckelnden Raubein-Image nie erlebt.
Wie viele schräg-sympathische Charaktere sie in all den Jahren durch die Kulissen gejagt hat, weiß Behrends selbst nicht genau: „Bei 100 habe ich aufgehört zu zählen, und das war schon 2007“, sagt sie. Bemerkenswert ist, dass die ausgebildete Schauspielerin und schreibende Autodidaktin, die bei „GWSW“ auch Regie führt, sich dabei nie wiederholt. Wenn ihr beim Plotten einer neuen Episode vage Dйjа-vus kommen, schaut sie nach: „Aha, das hatten wir in Folge elf schon so ähnlich – und dann denke ich mir was Neues aus.“ Dieser Originalitätsanspruch ist einer der Gründe, weshalb die Sitcom mit treuer Fangemeinde verlässlich die 230 Plätze des Theaters an der Müllerstraße füllt.
GWSWKlar steht die Folge 100 jetzt unter erhöhtem Besonderheitsdruck. „Ich hatte lange Schiss davor“, bekennt Behrends. Schließlich sollte die Jubiläumsfolge nicht einfach eine Best-of-Revue werden. Sondern dem „GWSW“-Kosmos in seiner proletarisch-stolzen Gesamtheit gerecht werden. Am besten mit Gesang.
„Wedding-Story“ wird eine Musicalepisode, in der die bekannten und beliebten Helden, Hallodris und Hanswurste auftreten und an Songs entlang eine Geschichte vom drohenden Untergang erzählen: Dönerimbiss Chez Ölgür ist abgebrannt. Schuld daran, erzählt die Autorin, „ist ein Gasleck, das mit Bärchenwurst gestopft wurde. Deswegen zahlt die Versicherung nicht.“ Der schwäbische Prenzlwichser Uwe Gammerdinger scharrt schon mit den Hufen, um anstelle der türkischen Bratfettbude eine Männerstilloase zu errichten. Was mit vereinten Kräften verhindert werden muss, versteht sich. Es wird dabei „Evita“-Anklänge geben („Wein nicht um mich, Schwabenländle“). Und, das darf man verraten, ein Happy End im Lindenberg’schen „Hinterm Horizont“-Sound. Mit ausdrücklicher Genehmigung des Maestros.
Solche Genreparodien liebt Behrends. Genau wie Formexperimente innerhalb ihrer Sitcom. Folge 99 – „Honeymoon in Hassleben“ – war beispielsweise eine Art Kammerspiel im Elektroauto. Es gab bei „GWSW“ schon eine Gerichtsfolge, eine „Sex and the City“-Satire, eine „24“-mäßige Countdown-Episode, eine Katastrophenfilm-Hommage, und, und, und. Jede Folge ein eigenes kleines Theaterstück. Dass hier eine ernst zu nehmende, sprachwitzige Autorin am Werk ist, sickert nach zehn Jahren allmählich auch in Hochkulturkreise durch. Im April ist Behrends mit dem Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis ausgezeichnet worden. Verdiente Anerkennung für ein immer noch einzigartiges Theaterformat, das vom Sprachwitz und dem unverbrüchlich warmherzigen Blick auf die Figuren lebt.
GWSWWas ihren Output betrifft, stellt Behrends dabei selbst den Vielschreiber Renй Pollesch locker in den Schatten. Neben „GWSW“ hat sie unlängst noch eine neue Serie im Prime-Time-Theater aufgelegt, die Krimiparodie CSI -Wedding“, deren zweite Folge „Ausgebuddelt – Der Tod ist erst der Anfang“ im Herbst kommt, und in der sie die toughe Profilerin Trinidad spielt. Sie schreibt das Ruhrgebiets-Franchise „Gutes Essen, schlechtes Essen“. Sie ist Autorin des großartigen Buches „Kiffer-Barbie“, das eine gutgelaunte „Fuck you, Frauenklischees“-Suada unter besonderer Berücksichtigung des Multitaskings ist. Sie unterhält seit Kurzem auf ihrer Homepage eine Kolumne mit dem Titel „Weibsbilder“. Und sie hat – nach Jahren der zähen Verhandlungen – die ersten vier Drehbücher für die Fernsehversion von „GWSW“ im RBB geschrieben. Eine „Das doppelte Lottchen“-Variante über Zwillingsschwestern, die nichts voneinander wissen und getrennt aufwachsen: die eine im Wedding, die andere in Prenzlauer Berg. „Alles, was man an ‚GWSW‘ liebt, ist drin“, verspricht Behrends.
Man kann ja kaum anders, als die Wie-macht-die-das-bloß-Frage zu stellen. Behrends selbst sagt nur lächelnd, dass sie bei einer Frequenz „von einem Drehbuch und einem Theatertext pro Monat“ auch das Gefühl hatte: „Ich bin eine Schreibmaschine, holt mich hier raus!“ Und dass sie für Folge 100 zum ersten Mal in der „GWSW“-Geschichte eine Deadline verschoben hat. Um zwei Tage. Immerhin verzichtet sie mittlerweile darauf, in der Sitcom selbst mitzuspielen. Was aber vor allem daran liegt, dass sie so ziemlich alles, was „GWSW“ hergibt, schon verkörpert hat: Bond-Girl, Cowgirl, Kieztusse, Punkerin, einen der „Drei Engel für Wedding“. „Warte!“, unterbricht sie, „Meerjungfrau war ich noch nicht.“
Beim Bekannten zu verharren, entspricht jedenfalls nicht Behrends’ Naturell. „Guck nicht zurück, du gehst ja nicht die Richtung“, sagt sie, ohne dass es irgendwie glückskekshaft klingen würde. Und dass auf ihrem Grabstein doch bitte „Weiterentwicklung“ stehen solle. Wenig Zeit hat sie – und noch viel vor. Behrends, die vor zwei Jahren nach Prenzlauer Berg gezogen ist, während die früheren Prenzl’berg-Hipster mittlerweile gen Wedding streben („Wer ist jetzt cool?“), könnte sich zum Beispiel vorstellen, mal ein grundernstes, gesellschaftskritisches Theaterstück zu schreiben. Unlustig wäre neu. Und eine Kommissarin möchte sie mal im Fernsehen verkörpern, muss auch nicht „Tatort“ sein. Wobei sie selbst ahnt, worauf das hinauslaufen wird: „Ich muss es wahrscheinlich selbst schreiben.“

Text: Patrick Wildermann

Fotos oben: Stefan Helios

Foto mittig und unten: Foto: Janina Heppner / Grafik: Yvonne Schulze 

Gutes Wedding, schlechtes Wedding – Folge 100
„Wedding Story“, Prime Time Theater, Müllerstraße 163, Wedding, Fr  7.8., 20.15 Uhr (Premiere). Weitere Vorstellungen: bis 24. August immer Do bis Mo, 20.15 Uhr

www.primetimetheater.de

Constanze Behrends
Jahrgang 1981, ist in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Als beste Schülerin ihres Jahrgangs wollte sie in Berlin Medizin studieren, entschied sich dann aber für Schauspielerei. Eine Wissenschaftlerin, sagt sie, stecke trotzdem in ihr. So hat Behrends aus der „GWSW“-Kiezschlampe Sabrina eine heimliche Atomphysikerin gemacht, die ihren Grips verbirgt, weil die Männer nicht drauf stehen. Der Sabrina-Darstellerin schrieb Behrends komplizierte Passagen über Redoxreaktionen ins Skript. „Ich bin ein kleiner Nerd“, sagt sie. Und bekennender Trekkie. „Eigentlich“, fasst sie selbst zusammen, „interessiere ich mich für alles.“

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