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„Hallelujah (Ein Reservat)“ in der Volksbühne

Als wollte er den etwas zu oft und etwas zu ahnungslos erhobenen Vorwurf beantworten, die Volksbühne wiederhole sich nur noch selbst, drehe sich schon lange im Kreis und sei ein Dinosaurier, hat Christoph Marthaler einfach alle Vorwürfe zu Stilmitteln seiner neuen Volksbühnen-Inszenierung gemacht: Die Szenen-Widerholung, die sich im Kreis drehende Bühne und natürlich den Dinosaurierer, der groß und in Plastik auf dem Boden liegt, als hätten die Reste des bankrotten Spreeparks mit den Resten der Volkbühne fusioniert.
Auch die Freizeitparkbewohner in ihren etwas zu bunten Blousons, Glitzerkleidern oder Cowboystiefeln sind irgendwie übrig geblieben, als hätte der Rest der Welt keine rechte Verwendung mehr für sie. Ein „ehemaliger Fahrgerätespezialist“ (Ueli Jäggi) erklärt umständlich, was hier mal für tolle Technik stand, aber jetzt sind von den blühenden Freizeitparklandschaften nur noch ein sinnloses Brückchen, ein leeres Wasserbassin auf der Vorderbühne und ein Kassenhäuschen übrig geblieben (Bühne: Anna Viebrock). Man vertriebt sich die Zeit gerne mit Gesang, Stilrichtung: Country und Western, oder erzählt eher sich selbst als den anderen von der Begeisterung zum Beispiel für „die echten Hopi-Indianer“. Zwischendurch gibt ein aus dem Leim gegangener Western-Fan (Marc Bodnar) Passagen aus der Autobiografie von Pierre Briece zum besten oder entblösst im Herren-Striptease seine Wampe – ein Indianer kennt keinen Schmerz. Weil sonst nichts zu tun ist und weil die Parkbewohner Ordnung mögen, stellen sie möglichst  umständlich Absperrgitter auf, als müsste man sich vor dem Ansturm der Vergnügungssüchtigen schützen, die natürlich nicht kommen.
Clemens Sienknecht gibt das Double John Reeds, der als der berühmteste, echt amerikanische Country-Sänger der DDR mühelos die Liebe zur SED wie zur volkstümlichen Unterhaltung zu verbinden wusste. Olivia Grigolli angelt als „ehemalige Abenteurerin“ im leeren Wasserbassin, Lilith Stangenberg bewegt sich als Dauerkartenbesitzerin aufs anmutigste durch ihr eigenes Paralleluniversum. Nicht nur die Insassin des Kassenhäuschens, eine resolute Dame mit hochgesteckter Frisur (Hildegard Alex), sieht aus, als hätte sie die vergangenen Jahrzehnte hier verbracht. Und noch immer wundert sie sich darüber, dass plötzlich alles vorbei war: „Der Park sei zu, hieß es auf einmal. Da habe ich mich immer gefragt: Warum denn das? Der war auf einmal zu!“
Natürlich kann man „Halleluja (Ein Reservat)“ als sehr trocken melancholischen, entschlossen unsentimentalen Abschiedsgruß an die Castorf-Volksbühne verstehen, anderthalb Jahre vor ihrem Ende (und 23 Jahre nachdem Marthaler hier mit „Murx“ seine Bühnenästhetik ausformuliert hat). Aber dafür, sie einfach nur selbstbezüglich als Volksbühnen- und Marthaler-Veteranen zu sehen, nimmt Marthaler seine Bühnenfiguren und ihre Tristesse etwas zu ernst. Am Ende steht sehr verloren ein Tanzbär auf der Bühne und schaut ratlos ins Publikum.

  

Text: Peter Laudenbach

Foto: Walter Mair, Basel

Volksbühne Sa 27.2., 18 Uhr, Do 3.3., 19.30 Uhr, Eintritt 12–36, erm. 6–18 Euro

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