Theater

„Hamlet“ – Gastspiel im Deutschen Theater

HamletKann man Hamlet unpolitisch geben, aber trotzdem gut? Darf der Kampf um Wahrheit und Staatsräson in Traumbildern versinken, ohne Shakespeare und die Gegenwart gleichermaßen zu verraten? Luk Perceval jedenfalls gibt sich alle Mühe, den dänischen Prinzen nicht in die typische Form zu modellieren, die ein klares Loyalitäts-Dilemma beschreibt. Percevals Hamlet ist vielmehr selbst ein Dilemma, denn er besteht aus zweien. Im Sinne von Platons Urwesen mit acht Gliedmaßen und zwei Köpfen, allerdings dann doch vom selben Geschlecht, verwachsen in dieser Inszenierung vom Hamburger Thalia-Theater, die jetzt als Gastspiel am Deutschen Theater zu sehen ist, Josef Os­tendorf und Jörg Pohl zu einem großen Sowohl-als-auch-Hamlet.

Der mächtige, mies gelaunte Zyniker (Ostendorf) trägt den zornig-moralischen Rachegeist (Pohl) mit sich herum wie ein ungestilltes Verlangen. Und gemeinsam spielen diese beiden ungleichen Wesen Hamlets Zerrissenheit als manisch-depressiven Hauskrach im Hirnstübchen. Ein Winternachtstraum.
In der Erfolgskonstellation jener berühmten „Othello“-Inszenierung der Münchener Kammerspiele von 2003 – die noch heute im Repertoire des Thalia-Theaters läuft – hat Perceval auch diesmal mit den Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sowie mit dem Pianisten Jens Thomas eine Wurzel aus Shakespeare gezogen, die eher psychisch als psychologisch ist. Eine Wand aus leeren Mänteln (Bühne von Annette Kurz) trennt das Wirkliche vom Sichtbaren, und zu sehen ist das Innere. Überall Trennungen und Hälften, Widersprüche und Konkurrenzen, wie in einem Albtraum über die Angst, verrückt zu werden. Gespielt in stark symbolischen Szenen von sonderlichen Platzhaltern echter Figuren erzählt Perceval vom Binnendrama im Hirn. Hamlets Geist mal andersherum. Schön aufwühlend.

Text: Till Briegleb
Foto: ArminSmailovic

Hamlet

im Deutschen Theater,
So 8.4., 20 Uhr, Mo 9.4., 19 Uhr,

Karten-Tel. 28 44 12 25

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