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Hans Neuenfels inszeniert „La Traviata“ an der Komischen Oper

Hans_Neuenfels_fotografiert von Monika_RittershausHans Neuenfels sitzt in der Kantine der Komischen Oper: in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ein Glas Weißwein …

tip Herr Neuenfels, im Vorfeld Ihrer „Traviata“-Inszenierung haben Sie gesagt, dass jeder seine Drogen braucht, um das Leben zu überstehen. Die Frage nach Ihren Lieblingsdrogen erübrigt sich ja wohl.
Hans Neuenfels (ächzt genüsslich): Ja, der Wein, der ist schon gut. Und das Rauchen auch. Das bleibt halt bei mir so. Und dann gibt es noch die Arbeit: Die kann ja auch eine Droge sein, wenn man sie liebt.

tip Eigentlich hätten wir gedacht, dass die anderen Drogen Sie erst arbeitsfähig machen.
Neuenfels Nicht unbedingt. Manchmal ist die Arbeit selbst so eine starke Droge, dass sie alle anderen ausschließt. Dann gibt es ein erotisches Fluidum, das berauschend wirkt. Passiert leider selten. Meist sieht es so aus: Wenn der Reiz der einen Droge abnimmt, müssen eben die Hilfsdrogen her.

tip Auch in der Oper, die Sie gerade proben, geht es ja um eine Droge: Die Prostituierte Violetta in Verdis „La Traviata“ liefert der Gesellschaft die Droge Sex und berauscht sich auch selbst daran.
Neuenfels Sex ist nur der Ausgangspunkt – als schnell konsumierbare Droge der Gesellschaft. Violetta verfällt ja einer viel gefährlicheren, ganzheitlichen Droge: der Liebe. Die Droge Liebe macht abhängig und ist extrem riskant. Die Erfahrungen, die man mit ihr macht, sind existenziell: Hoffnung, Enttäuschung, Verlustängste. Das alles erfährt Violetta in ihrer Liebe zum Durchschnittstypen Alfredo. Seinetwegen gibt sie dann ja auch ihren Beruf auf.

tip Die Rauschwirkung der Droge Liebe wird nur noch durch den Kick der guten Tat getoppt. Violetta entschließt sich auf Bitten von Alfredos Vater, großmütig auf ihr Glück zu verzichten, um den Ruf seiner Familie nicht zu gefährden.
Neuenfels Das Verzeihen und Sich- Opfern kann natürlich auch ein berauschendes Erlebnis sein. Die Hingabe bis zum Aberwitz ist manchmal genauso stark wie die Erfüllung. Das wird in der Gesellschaft leider oft übersehen, und auch für Violetta ist dieses Gefühl in der Oper neu. Das ist gewissermaßen die Flucht in ein unbekanntes Land. Deshalb tut sie da auch etwas thea­tralisch: Sie muss ja erst zu diesem fremden Gefühl hinfinden.

tip Eigentlich ist diese Oper ja ziemlich voyeuristisch. Man schaut zwei Stunden lang dem Sterben einer tuberkulosekranken Prostituierten zu. Und am Schluss wischen sich alle eine Träne aus dem Augenwinkel und gehen zufrieden nach Hause.
Neuenfels Irrtum! Violetta ist bloß eine Frau, die mehr weiß als andere Menschen, weil sie fühlt, dass der Tod ihr nahe ist. Aber das schärft nur ihr Bewusstsein für das Leben. Sie will einfach intensiver leben, das ist alles. Meistens wird das allerdings falsch gemacht: Da hus­tet sie sich schon zu Anfang die Seele aus dem Leib. Aber der vo­yeu­­ristische Aspekt ist für mich in diesem Stück sehr wichtig. Ich möchte, dass man durch ein Schlüsselloch auf die Gefühlsebene der Menschen guckt. Das geht bei mir bis zum Kitsch. Kitsch ist ja eigentlich etwas sehr Intimes. Sogar rote Rosen kommen vor – und ein verstümmeltes Baby. Das ist ja wirklich ziemlich kitschig, nicht wahr?

tip Die moralische Botschaft wirkt nach 150 Jahren ziemlich ausgelutscht: Dass auch eine Nutte ein goldenes Herz haben kann, schockt doch niemanden mehr.
Neuenfels Dass ein normaler Typ eine Nutte heiraten will, ist heute nicht mehr so skandalös wie zu Verdis Zeiten. Der hat ja in der „Traviata“ quasi seine eigene Biografie verarbeitet. Trotz seines Ruhms wurden er und seine Geliebte Giuseppina daheim im streng katholischen Busseto von den Leuten gemieden und mussten immer ins Ausland fahren, wenn sie ihre Beziehung öffentlich leben wollten. Aber gerade weil das Sexuelle heute nicht mehr so ein wichtiges Thema ist, kann man das Grundsätzlichere der Geschichte fassen. Eine Liebesbeziehung zweier Menschen hat doch immer etwas von einer Bastion gegen den Rest der Welt. Genau wie drei Menschen zusammen immer den Keim einer Revolution in sich tragen.
tip Weckt das Glück der Liebe automatisch Neid?

Das vollständig Interview von Jörg Königsdorf mit Hans Neuenfels lesen Sie in tip 24/08 auf Seite 68 + 69

Fotos: Monika Rittershaus

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