• Kultur
  • Theater
  • Hans-Werner Kroesinger untersucht die Geschichte des HAU

Theater

Hans-Werner Kroesinger untersucht die Geschichte des HAU

HansW.Kroesinger_c_David_Baltzer_bildbuehneUm was geht es in Ihrem Stück “Wellen­artillerie Telefunken“?
Hans-Werner Kroesinger Zunächst geht es um das erste deutsche High-Tech-Unternehmen, die Firma Telefunken, ein Tochterunternehmen von AEG und Siemens. Gegründet 1903 auf Bestreben des Kaisers, letztlich aus militärischen Interessen. Telefunken baute Sendeanlagen für das Militär, der Erste Weltkrieg bescherte der Firma einen ersten Boom. Im Zweiten Weltkrieg liefert Telefunken der Wehrmacht Richtfunktechnik, Radar- und Peilgeräte. Der Krieg ist für das Unternehmen ein hervorragendes Geschäft. Gleichzeitig ist Telefunken führend in der Radiotechnik. Für die Nationalsozialisten ist das Radio das Propagandamedium schlechthin. Davon profitiert Telefunken, die Produktpalette reicht von den Röhren in jedem Volksempfänger, an dessen Entwicklung Telefunken beteiligt war, bis zur Übertragungstechnik bei der Olympiade 1936. Das Unternehmen produziert also gleichzeitig für die NS-Unterhaltungsindustrie und den Krieg.

Es ist kein Zufall, dass Sie Ihre Inszenierung im HAU zeigen. Was verbindet die Telefunken-Geschichte mit den HAU-Gebäuden?
Bei der Unternehmungsgründung sind die Firmenzentrale und die Forschungseinrichtungen am Tempelhofer Ufer, unmittelbar  neben dem heutigen HAU 3. Später wird die große, repräsentative Unternehmenszentrale auf der anderen Seite des Landwehrkanals  gebaut, direkt neben dem heutigen HAU 2. Rund ums heutige HAU 2 und HAU 3 waren Telefunken-Gebäude für Verwaltung und Produktion der Röhren für Radios. Ab 1939 beschäftigt Telefunken Zwangsarbeiter. Die Männer sind an der Front, die Industrie braucht Arbeitskräfte. Die Zwangsarbeiter sind zum Teil unmittelbar bei den Produk­tionsstätten untergebracht, wahrscheinlich auch in den Gebäuden beim heutigen HAU 3. Wenn wir ins Theater gehen, kommen wir an Häusern vorbei, in denen Telefunken vor 70 Jahren Zwangsarbeiter ausgebeutet hat. Zuerst wirbt das Unternehmen Fremdarbeiter aus Westeuropa an. Damals entsteht der Begriff „Gastarbeiter“. Man veranstaltet große Rekrutierungskampagnen, um Freiwillige, zum Beispiel aus Holland, anzuwerben. Ab 1940 müssen Zwangsarbeiter aus dem Osten in den Telefunken-Werken, auch in den Werken am Halleschen Tor, in Kreuzberg, für die deutsche Rüstungs- und Unterhaltungsindustrie arbeiten.

Wie viele Zwangsarbeiter mussten für Telefunken in Berlin arbeiten?
Tausende. Allein im Lager am Tempelhofer Ufer waren über 100 französische Arbeiterinnen untergebracht, auf dem Grundstück neben dem heutigen HAU 3. Bei Kriegsende war jeder siebte Bewohner Berlins ein Zwangsarbeiter. Sie marschierten mitten in der Stadt in Kolonnen aus den Lagern in die Fabriken. In den Fabriken können deutsche Arbeiter Vorschläge einreichen, wie man die Arbeit der Zwangsarbeiter beschleunigen und effizienter machen kann, wie man sie besser beaufsichtigen könnte. Für diese Vorschläge zur besseren Ausbeutung der Zwangsarbeiter bekommen ihre deutschen Kollegen dann Prämien von 15 oder 20 Reichsmark. 1941 übernimmt die AEG Telefunken, für Wirtschaftshistoriker wird die AEG damit zum Rüstungskonzern.

Mit welchem Dokumentarmaterial arbeiten Sie in Ihrer Inszenierung?
Zum Beispiel mit dem Unternehmensarchiv, das im Technik Museum Berlin liegt. Dort findet man unter anderem Briefwechsel, in denen sich Telefunken-Verantwortliche bei Behörden des NS-Staates beschweren, dass die Zwangsarbeiter nicht die nötigen Qualifikationen haben. Am liebsten waren Telefunken als Zwangsarbeiter junge Frauen. Die Spulen für die Radioproduktion zu wickeln ist eine feinmotorische Arbeit.

Wie setzen Sie das auf der Bühne um?
Der Zuschauer nimmt an der Vernissage einer Ausstellung zur Geschichte von Telefunken auf dem werkseigenen Gelände teil. Drei Angestellte präsentieren die Firmengeschichte und im Laufe der Präsentation wird immer mehr von der verschwiegenen Geschichte sichtbar. Was als Unterhaltungs­programm beginnt, nimmt einen anderen Verlauf. Die Installation beginnt, eine andere Geschichte zu erzählen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg profitiert ­Telefunken vom Wirtschaftswunder und produziert Unterhaltungselektronik. Markiert 1945 einen Bruch in der Unternehmensgeschichte?
Es wird weiter produziert. Interessant ist eine besondere deutsche Kontinuität: Im Nationalsozialismus hat man mit dem Einsatz der Zwangsarbeiter gelernt, ungelernte Arbeitskräfte, die die Sprache nicht können, in der industriellen Produktion einzusetzen, nicht nur bei Telefunken, sondern in der ganzen deutschen Industrie. Genau dieses Wissen nutzte man in den 60er-Jahren, als die ersten Gastarbeiter angeworben wurden. Vermutlich waren es teilweise die gleichen Personalverantwortlichen, die das organisierten und die gleichen Vorarbeiter, die ab den 60er-Jahren die türkischen Gastarbeiter anlernten, die 20 Jahre davor die Zwangs­arbeiter beaufsichtigt hatten.

Wurden die Telefunken-Zwangsarbeiter entschädigt?
Telefunken hat als Bestandteil der AEG 1960 4 Millionen DM an die Jewish Claims Conference gezahlt. Meines Wissens war die einzige Entschädigungszahlung. In der Selbstdarstellung der heutigen Telefunken wird die Verstrickung in die NS-Kriegswirtschaft weitgehend ausgeblendet. 

Interview: Peter Laudenbach
Foto: David Baltzer/bildbuehne

Termine: Wellenartillerie Telefunken
im HAU 3,
z.B. 5.–7., 9.–11.1., 20 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 27

THEATER UND BÜHNE IN BERLIN VON A BIS Z

RÜCKBLICK: MATTHIAS LILIENTHALS INTENDANZ AM HAU ENDET BALD

Mehr über Cookies erfahren