Theater

Happy Birthday, George

Einmal, George Tabori war schon etwas über 80, erzählte er uns bei einem tip-Interview, es sei sehr praktisch, dass er nicht mehr so gut hört und sieht. Wenn er bei einer Probe im Parkett rauche, also praktisch dauernd, könne er die missbilligenden Blicke der Feuerwehrmänner einfach ignorieren. Wir nahmen unseren ganzen Interviewer-Mut zusammen: „Äh, ist es beim Regieführen nicht ab und zu ein Problem, wenn man nicht mehr gut sieht und hört, was die Schauspieler auf der Bühne so machen?“ Antwort, genüsslich begleitet vom charmantesten, spöttischsten Tabori-Lächeln: „Entschuldigung, was haben Sie gesagt?“ Das Vergnügen am Filouhaften war nicht das geringste von Taboris vielen Talenten. Am 24. Mai wäre er hundert Jahre alt geworden.

In seinen letzten Jahren hat man ihn, vielleicht weil er so ein warmherziger, menschenfreundlicher Anarchist war, irrtümlich für den netten Theateronkel, den lieben Weisen der Probebühne gehalten. Dabei war er in Wirklichkeit ein Radikaler. Sein Stück „Die Kannibalen“ erzählt vom Tod seines Vaters in Auschwitz, eine schwarze Messe des Schreckens und der Trauer. Tabori, 1914 in Budapest geboren, führte über Jahrzehnte ein Leben im Exil, arbeitete auf dem Balkan und in Ägypten für den britischen Geheimdienst, in London für die BBC und in Hollywood für die Filmstudios. Seit er in Kalifornien Brecht kennengelernt hatte, langweilten ihn die Jobs für die Filmindustrie.

Seine Theaterinszenierungen ab den Sechzigerjahren suchten etwas, das in der Unterhaltungsindustrie eher selten gefragt ist: Wahrheit. Sein armes, pures Theater war eine Insel des Widerstands gegen den Prunk der Ausstattungskünste, gegen das auftrumpfende Dekorationstheater. Die Feierlichkeiten der Edelbühnen mochte er nicht besonders, sehr spöttisch hat er über seine Erfahrungen an der alten Schaubühne geschrieben („Ruhe im Puff“). Es passt, dass der Fonds Darstellende Künste seinen Preis für freies Theater nach ihm benannt hat (und ihn kurz vor Taboris Geburtstag verleiht).

In seinen schönen, jetzt zum hundertsten Geburtstag bei Wagenbach aus dem Nachlass erschienenen autobiografischen Aufzeichnungen begegnet man George Tabori noch einmal. Als Erzähler mag er einen leichten, lakonischen, witzigen Tonfall, aber in ihm berichtet er nicht nur von einer glücklichen Kindheit und dem Exil, sondern, sehr nüchtern und bitter, von seinem Besuch in Auschwitz, Jahrzehnte nach Kriegsende auf der Suche nach den Spuren seines ermordeten Vaters.

George Tabori: „Autodafй und Exodus“ Wagenbach Verlag, 160 Seiten, 19,90 Ђ
George Tabori: „Tabori Theater“ Steidl Verlag, 816 Seiten, 49,80 Ђ
Ein Fest für George Berliner Ensemble, Sa 24.5., 20 Uhr, Karten-Tel. 28 40 81 55
George Tabori Preis 2014, Haus der Berliner Festspiele, Do 22.5., 19 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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