Theater

HAU-Chef Matthias Lilienthal im Gespräch

Matthias Lilienthaltip Vom 15. bis 18. April kommen rund 600 europäische und internationale Festivalmacher, Theaterleiter, Künstler und Kulturmanager vorwiegend aus der freien Szene nach Berlin. Sie werden unter anderem im Radialsystem, im HAU und im Haus der Kulturen der Welt beim Kongress „Searching for Plan C“ debattieren und feiern. Um was geht es bei dem Kongress unter dem entspannten Motto „Celebrating and Cerebraling the Crisis“?

Matthias Lilienthal Das ist ein Versuch, miteinander darüber zu reden, wie sich Kultur, besonders die nicht institutionalisierte Kultur, angesichts der Wirtschaftskrise in Zukunft finanzieren kann. Um Christoph Schlingensiefs altes Motto zu zitieren: Kann man die Krise als Chance sehen? Gibt es andere Wege, als automatisch und etwas hilflos mehr Subventionen zu fordern oder sich an den Kommerz auszuliefern?

tip In Deutschland führt die Rezession dazu, dass viele Städte, denen die Gewerbesteuereinnahmen wegbrechen, ihre Kulturetats zurückfahren. In Wuppertal und Oberhausen drohen Theaterschließungen. Sie arbeiten am HAU mit vielen internationalen Partnern zusammen. Welche Folgen hat die Wirtschaftskrise für die Theater in anderen europäischen Ländern?

Lilienthal Die Amsterdamer Schouwburg zum Beispiel, das größte holländische Theater, hat Etatkürzungen von 25 Prozent. Das Theater von Alvis Hermanis in Riga, das wichtigste Theater Lettlands, schickt, um zu sparen, alle Mitarbeiter für einen Monat in unbezahlten Urlaub. In Lettland sieht man am deutlichsten, wie ein Land, das sich wirtschaftlich im vergangenen Jahrzehnt langsam hochgerappelt hat, wieder in der totalen Krise steckt.

tip Viele Produktionen am HAU und in den meisten anderen Spielstätten der freien Szene sind Koproduktionen mit internationalen Partnern. Wenn denen die Etats wegbrechen, hat das auch Folgen für Ihre Arbeit, oder?

Lilienthal Oft sind das inzwischen keine echten Koproduktionen mehr, sondern bessere Gastspiele. Aber die Gastspielgagen machen, zum Beispiel für Alvis Hermanis, die Finanzierung einer Produktion erst möglich. Sein Theater in Riga lebt von den internationalen Gastspielen.

tip Da liegt die Versuchung nah, mit einer Inszenierung auf den
erfolgreichen Export auf die Festivals der reicheren Länder zu spekulieren. Müssen Künstler zum Beispiel in Lettland, um zu überleben, vorwiegend für diesen noch immer vergleichsweise lukrativen
Festival-Markt produzieren?

Lilienthal Die Gefahr, die in so einer Situation entsteht, ist, dass man nicht mehr weiß, für welches Publikum man ein Stück macht – für das einheimische Publikum, zum Beispiel in Riga, oder für Festivals wie die Berliner Festspiele. Aber wenn man anfängt, an einen imaginären Zuschauer irgendwo zwischen Riga und Berlin zu denken, kann die eigene Arbeit leicht verrutschen.

tip Sind die ökonomischen Folgen der Rezession für die Theater-macher in allen europäischen Ländern ähnlich?

Lilienthal Es gibt auch das totale Gegenteil, zum Beispiel in Irland. Dublin war vor der Krise arschteuer, und alle sind wie die Blöden dem Geld hinterher gerannt. Plötzlich gibt es wieder bezahlbare Probenräume für die Theater, das Leben wird bezahlbarer. In Dublin hat die Krise den Wahnsinn, der in der Blase vorherrschte, ein bisschen korrigiert.

tip Politiker, die mit möglichen Theaterschließungen drohen und rüde Sparprogramme durchsetzen, haben etwas Schäbiges. Andererseits könnte man natürlich auch sagen: Irgendwer muss die Subventionen, von denen die Theater leben, erwirtschaften. Kultur ist keine privilegierte Schutzzone. Warum sollte es Theatern in der Rezession besser gehen als anderen Branchen – von der Gastronomie bis zu den Automobilzulieferern oder den Zeitungsverlagen?

Lilienthal Klar. Das Gegenargument dazu ist, dass verarmte Städte, wie zum Beispiel Oberhausen, gerade Theater brauchen, als sozialen Ort, als öffentlichen Platz in der Stadt, als Teil ihrer Identität.

tip Wie wollen die Kongressteilnehmer bei „Plan C“ auf die Folgen der ökonomischen Krise für die Theater reagieren? Wie könnten die alternativen Finanzierungsmöglichkeiten jenseits von Staat, also
Subventionen, und Markt, also Kommerz, aussehen?

Lilienthal Das weiß ich auch nicht. Eine Antwort ist sicher: verstärkte Zusammenarbeit. …

Das gesamte Interview von tip-Autor Peter Laudenbach lesen sie im aktuellen Heft 09/10.

Plan C 15. bis 18. April, Radialsystem V, Sophiensaele, HAU u.a. www.plan-c-berlin.de

Foto: Harry Schnittger

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