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Interview

HAU-Intendantin bleibt bis 2025: „Ob man das Theater nennt, ist eigentlich egal“

Im März wurde der Vertrag der HAU-Intendantin Annemie Vanackere bis 2025 verlängert. Zeit für eine Zwischenbilanz nach knapp neun erfolgreichen Jahren mit der Intendantin und ihrer Stellvertreterin Aenne Quiñones.

Stellvertreterin Aenne Quiñones (l.) und HAU-Intendantin Annemie Vanackere auf dem Dach der Spielstätte. Foto: Dorothea Tuch
Stellvertreterin Aenne Quiñones (l.) und HAU-Intendantin Annemie Vanackere auf dem Dach der Spielstätte. Foto: Dorothea Tuch

„Eine andere Perspektive auf Macht“

tipBerlin Frau Vanackere, Frau Quiñones, führen Frauen anders als Männer, zum Beispiel in der Intendanz eines Theaters?

Annemie Vanackere Es prägt sicher, in welcher Zeit und welcher Umgebung man aufgewachsen ist. Meine eigene Sozialisierung in der belgischen und niederländischen Theaterszene mit eher flachen Hierarchien in einer Kultur des Dialogs war wahrscheinlich anders als an einem deutschen Stadttheater. Und selbst da waren Frauen in Leitungspositionen eher die Ausnahme.

Aenne Quiñones Patriarchale Verhältnisse mit ungerecht verteilten Machtpositionen und Konkurrenzdruck sind nach wie vor prägend. DDR-sozialisiert bin ich übrigens auch noch, das halte ich mittlerweile für einen großen Vorteil in dieser Gesellschaft. Für uns bedeutet das eine andere Perspektive auf den Umgang mit Macht, wenn wir eine Institution leiten, zum Beispiel das HAU.

Annemie Vanackere Es gibt wahrscheinlich keine Frau, die in ihrem Leben keine Erfahrungen mit Belästigungen und Diskriminierung machen musste. Das Bewusstsein hat sich geändert. Ich selbst merke, dass ich als junge Frau Verhaltensweisen akzeptiert habe, die ich heute völlig unakzeptabel finde. Ich habe vor zwei Jahrzehnten nicht so deutlich wie heute gesehen, was für ein Machtgefälle da wirksam war.

tipBerlin Ist das Theater besonders anfällig für Machtmissbrauch?

„Das Künstler-Subjekt hat ausgedient, wenn man so will“

Aenne Quiñones Die Arbeitsweisen unterscheiden sich erheblich zwischen den verschiedenen Institutionen. Unsere Form von Theater ist relativ jung. Annemie und ich arbeiten seit etwa 30 Jahren an der Struktur der internationalen Produktionshäuser. Mit und in diesen Institutionen hat sich eine eigenständige Form von Theater entwickelt. Das postdramatische Theater ist eng mit einer Praxis verbunden, die das gemeinschaftliche Arbeiten ins Zentrum stellt – etwa bei Kollektiven wie She She Pop, Rimini Protokoll oder Gob Squad, die im HAU ihre künstlerische Heimat haben. Das Künstler-Subjekt hat ausgedient, wenn man so will. Das ist ein wechselseitiges Verhältnis, es wirkt sich auch auf die Institution aus und unseren Umgang mit Hierarchien. Das ist sehr anders, als es an vielen Stadttheatern immer noch üblich ist.

tipBerlin Sie leiten das HAU jetzt seit fast neun Jahren. Was haben Sie sich damals vorgenommen?

Annemie Vanackere Wir wollen gute Partner:innen, Verbündete sein. Dazu gehört es, längere Linien und Arbeitsverbindungen mit Künstler:innen dieser Stadt und mit internationalen Künstler:innen einzugehen. Der inhaltliche Austausch ist für uns essenziell: etwas, das wir teilen können. Wir verstehen uns nicht als Kurator:innen, die Künstler:innen labeln und sie ohne eine gegenseitige Verbindlichkeit für einzelne Veranstaltungen einkaufen, um uns letztlich nur selbst zu profilieren.

Aenne Quiñones Uns interessieren Kontinuitäten, dialogisches Arbeiten, und das Theater als ein Modell von Öffentlichkeit. Ein Ziel war von Anfang an, ein breiteres Publikum zu erreichen. Vieles, was wir machen, bricht mit herkömmlichen Sehgewohnheiten. Das bedeutet aber nicht, dass es nur für eine kleine Insider-Szene interessant ist. Auch deshalb nehmen wir Produktionen nach zwei oder vier Monaten wieder auf. Man muss nicht immer unbedingt die erste oder schnellste sein, die etwas entdeckt und präsentiert. Wir wollen nicht nur zu den Künstler:innen, sondern auch zum Publikum eine eher langfristige Beziehung.

Annemie Vanackere Mein Vorgänger hat das HAU erfunden und dabei großartige Arbeit geleistet. Aber als wir hier angefangen haben, konnte die Struktur der Institution ihrer Entwicklung nicht mehr gerecht werden. Das Budget und die gesamte Infrastruktur waren für das, was das Theater leisten musste, für die Anzahl und den Umfang der Produktionen, Gastspiele und Aufführungen, zu klein geworden. Das konnten wir korrigieren und den Etat in den letzten acht Jahren nahezu verdoppeln, auch durch die Unterstützung der Kulturpolitik und -verwaltung. Damit erhielten beispielsweise Mitarbeiter:innen, die lange prekär beschäftigt waren, endlich ein festes Arbeitsverhältnis, die Gagen der Künstler:innen konnten erhöht werden.

tipBerlin Hatten Sie zu Beginn Ihrer Intendanz Angst vor dem launischen Berliner Publikum?

Annemie Vanackere Die Stadt ist voller Menschen, die sich für Kunst interessieren, das ist doch großartig!

„Es geht darum, dass Berlin Risikokapital bleiben muss“

Aenne Quiñones Glücklicherweise haben wir kein reines Theaterpublikum. Wir tragen die Fragen, die uns als Bürger:innen dieser Stadt beschäftigen,gemeinsam ins HAU. Beispielsweise mit der HAU-Produktion „Stadt unter Einfluss“ von Christiane Rösinger. Es geht darum, dass Berlin Risikokapital bleiben muss, gegen Spekulant:innen und für eine Stadt der Mieter:innen. Wir arbeiten mit verschiedenen Verbündeten zusammen, nicht ausschließlich mit Künstler*innen, sondern auch mit politischen Initiativen und Expert:innen, die ihre eigene Praxis mitbringen. Wir hoffen sehr, dass wir die Produktion bald wieder zeigen können.

Annemie Vanackere Manchmal waren wir vielleicht nicht explizit genug, oder einfach zu früh dran. Aber es hat auch mit unserem Verständnis von Theater als Möglichkeitsraum zu tun, dass wir am Anfang statt Plakaten mit schlauen Parolen lieber Plakate mit Tierporträts gemacht haben – oder jetzt mit unperfekten Avataren, für uns wichtige Mitbewohner:innen unseres Planeten.

tipBerlin Und was ist Ihnen nicht gelungen?

„Nicht jede Gruppe hat ihr Berliner Publikum gefunden“

Annemie Vanackere Nicht jede:r Künstler:in hat in jeder Stadt Erfolg. Nicht jede Gruppe, mit der ich in Belgien oder den Niederlanden gearbeitet habe, hat in Berlin ihr Publikum gefunden. Gelungen ist das zum Beispiel mit Kornél Mundruczó, der regelmäßig mit dem Protontheater aus Budapest bei uns koproduziert oder auch mit Miet Warlop, die ich seit ihren Anfängen begleite. Auch dachte ich am Anfang, ich könnte mehr große internationale Gastspiele einladen. Früher ging das nur vereinzelt, weil wir das Geld dafür nicht hatten. Heute haben wir so viele gewachsene Partnerschaften mit Berliner und internationalen Künstler:innen, dass für Gastspiele oft nur wenig Raum bleibt. Ohne Forced Entertainment, Nicoleta Esinencu, Kat Válastur, Ligia Lewis, Meg Stuart, andcompany&co., dgtl fmnsm, LAS TESIS und viele andere wäre das HAU nicht das, was es ist.

tipBerlin Sie haben Ihren Vertrag am HAU bis 2025 verlängert. Was haben Sie noch vor?

Annemie Vanackere Dass wir uns für die Möglichkeiten der Digitalisierung interessieren, liegt nicht nur an der Pandemie. Der digitale Wandel verändert die Kommunikation in einem Maße, das sich jetzt noch nicht absehen lässt. Welche neuen Formen von Gemeinschaft entwickeln sich da? Welche künstlerischen Möglichkeiten können wir auf einer digitalen Bühne eröffnen? Wir verstehen das HAU4 als einen festen Bestandteil unserer Struktur.

Aenne Quiñones Für wen machen wir das, wen wollen wir erreichen? Auch diese Frage stellt sich mit der Digitalisierung noch einmal ganz neu. Man muss den digitalen Raum ja nicht allein den kommerziellen Anbieter:innen überlassen.

„Endlich werden wir mit unserer Arbeit ernst genommen“

Annemie Vanackere Bei unserem Festival „Spy on Me #3“ sagten Künstler:innen, die schon lange mit performativen Formaten und digitalen Medien arbeiten: Endlich werden wir mit unserer Arbeit ernst genommen. Ob man das Theater oder anders nennt, ist uns eigentlich egal.

tipBerlin Sie schreiben in einem Ihrer Texte, dass das Theater mutieren muss. Wie sehen diese Mutationen aus?

Aenne Quiñones Eine Frage ist immer: Wie stellen wir jeweils Öffentlichkeit her, wer ist ausgeschlossen, wo können wir die soziale Exklusion unterlaufen? Gehen wir beispielsweise öfter in den Stadtraum, wie bei dem Projekt, das wir demnächst auf dem Kreuzberger Mehringplatz in unserer direkten Nachbarschaft planen? Diese Fragen werden sich nach der Pandemie noch einmal deutlicher stellen.


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