Diskurs-Pop

„He? She? Me! Free“ in der Schaubühne

Return to Gender: Welches Geschlecht habe ich, und wenn ja: wie viele? Patrick Wengenroth sucht mit „He? She? Me! Free“ nach Antworten

Gian Marco Bresadola

Männer, insbesondere wenn sie zufällig heterosexuell und von Beruf Künstler, also Spezialisten der Selbstveröffentlichung sind, können leicht ein wenig anmaßend und übergriffig wirken, wenn sie sich nicht nur als Feministen verstehen, sondern sich auch gerne als solche inszenieren. Der Regisseur Patrick Wengenroth arbeitet sich im Studio der Schaubühne seit längerem mit Inszenierungen wie „thisisitgirl“ oder „LOVE HURTS IN TINDER TIMES“ an Geschlechterstereotypen, den Zumutungen der Heteronormativität und dem Minengebiet des Begehrens ab. Aber weil er seine Theaterfeldforschung erstens schlau und gutgelaunt und zweitens vorsichtig und fragend und nicht belehrend betreibt, entkommt er den naheliegenden Peinlichkeits- und Anmaßungsfallen.

Das Problem seiner Gendertrouble-Versuchsreihe ist eher, dass sie theatralisch nur mäßig ergiebig und inhaltlich einigermaßen überraschungsfrei ist, schon weil sie sich gerne bei den gängigen Seminar-Smashhits und bekannten Theorieversatzstücken bedient. Das gilt auch für die neue Ausgabe unter dem geschlechterverwirrenden Titel „HE? SHE? ME! FREE.“. Die performenden Schauspieler und schauspielernden Performer Bernardo Arias Porras, Iris Becher, Eva Meckbach, Ruth Rosenfeld, der Musiker Matze Kloppe und der mitperformende Regisseur surfen in lose aneinandermontierten Szenen ein wenig durch Wittgenstein-Sätze, um dann das, was sie zu sagen haben, doch nicht klar zu sagen.

Bernardo Arias Porras berichtet als Adameva von den Identitätsfindungsqualen eines, bzw. einer Transsexuellen. Ruth Rosenfeld verwendet Deborah Feldmans autobiografischen Bestseller-Bericht aus dem hardcore-orthodoxen Judentum New Yorks, um über Zwangsehen und Patriarchats-Fundamentalismus in der westlichen Kultur nachzudenken. Großzügig steuert sie im weiteren Verlauf des Abends stimmungshebend eine schön wahnwitzige Gesangseinlage bei. Patrick Wengenroth wechselt das Thema, bleibt aber mit dem Bericht eines gescheiterten Selbstmordversuchs bei existenziellen Desastern. Erstaunlicherweise macht das alles gute Laune, was unter anderem an der Spiel- und Sangesfreude der Darsteller und dem Vortrag liegt, der angenehm zwischen scheinbar halbprivatem und durch die Bühnenrolle geschütztem öffentlichem Sprechen pendelt.

Schaubühne Studio Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf, Mi 30.1.+ Do 31.1., 20.30 Uhr, ausverkauft

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