Politisches Theater

„Heimat reloaded“ im HAU 3

Heimat  – wo ist das? Hans-Werner Kroesinger geht in „Heimat reloaded“ der Renaissance einer Sehnsucht auf die Spur

Foto: Regine Dura
Foto: Regine Dura

Für Ernst Bloch war Heimat der Ort, der „allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Weniger utopisch besetzt, dafür aggressiv aufgeladen, ist der Heimat-Begriff der Rechten: Heimat als etwas Bedrohtes, das einem von Fremden, von der Globalisierung oder einfach von der Moder­ne weggenommen wird. Aber auch diese Heimat ist zuerst ein ideologisches Konstrukt, kein realer Ort, sondern eine Freifläche für allerlei Projektionen: Make Heimat great  again.
Weil diese regressive Sehnsucht nach einer imaginären Heimat als Schutz- und Zufluchtsort, als Bastion gegen die Zumutungen einer komplizierten Gegenwart seit längerem politische Hochkonjunktur hat, untersuchen Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura in ihrem neuen Theaterstück „HEIMAT reloaed“ die politische Geschichte des Begriffs in Deutschland: „In den 1930er Jahren sollte die Heimat expandieren, in den 40ern geschützt und gesäubert, in den 50ern wiederhergestellt werden. In den 60ern wurde sie schließlich zur Frage der Vertriebenen. In den 70ern war sie die kalte Heimat, in den 80ern dann irgendwie verschwunden. Jetzt ist sie wieder da“, lautet Kroesinges Diag­nose. Was bedeutet es, wenn sich die Wirtschaft globalisiert – und gleichzeitig Rechtspopulisten den Bedarf nach Heimatgefühlen bedienen und abschöpfen wollen? Kann man Heimatzugehörigkeit manchmal auch mit Körperkraft erwerben? Schließlich forderte 1946 ausgerechnet die CSU ein Heimatrecht dank Arbeitseinsatz: „Neubürger! Teilt mit uns die Heimat! Teilt mit uns die Arbeit! Arbeit gibt Recht auf Heimat!” Und was haben sieben Jahrzehnte später die neu auflodernden Heimat-Gesänge damit zu tun, dass unser Sozialleben sich in den sozialen Netzwerken ins Virtuelle, also physisch Ortlose verlagert? Beschwört man die Phantasmagorie einer nos­talgisch besetzten Heimat vielleicht kompensatorisch desto dringender, je deutlicher sie sich im Realleben aufzulösen scheint? Wie Kroesinger diese Fragen in seiner Inszenierung durchspielt, könnte spannend werden – und wie immer bei Kroesingers reflexionsstarken Abenden dürften dabei eher noch mehr und kompliziertere Fragen als beruhigende Antworten entstehen.

HAU 3 Sa 10., Mi 14. – Sa 17.12., 19 Uhr, So 11.12., 17 Uhr, Eintritt 16,50, erm. 11 €

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