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„Heiner Müller!“ im HAU

Wer kennt es nicht, das Foto des schmalgesichtigen blassen Mannes mit der dicken Zigarre. Heiner Müller ist eine Theaterikone, die allerdings der Gegenwart entrückt scheint, weil Müllers Schreiben vor allem ein Wühlen in Geschichte war. Weil das vor allem NS-Geschichte war sowie der Systemkonflikt zwischen Sozialismus und Kapitalismus, klingt es überholt. Doch zu Unrecht. Denn Müllers Wühlen in Geschichte bringt auch manch heute noch oder wieder aktuelle Erkenntnis. Das Angefülltsein mit Gegenwart, also die pure Geschichtsvergessenheit, die Müller kurz nach Mauerfall für die nun folgenden Jahre prophezeite, war der gedankliche Ausgangspunkt des Wiederentdeckungsfestivals „Heiner Müller!“ im HAU.
„Unser Ansatz ist es nicht, Müllers Stücke auf die Bühne zu bringen. Das ist schon Sache der Stadttheater. Für uns ist sein Geschichtsbegriff ein Ausgangspunkt. Wir glauben, dass wir mit ihm unsere Zeit besser begreifen können“, meint Aenne Quinones, Kuratorin am und Co-Leiterin des HAU. Gemeinsam mit Anja Quickert, Geschäftsführerin der Heiner Müller Gesellschaft, stellte sie dieses zehn Tage andauernde und elf Produktionen aus Theater, Performance und Installation, einen Filmabend sowie drei Diskussionen umfassende Festival auf die Beine.
Sie regten Performer aus dem Umfeld des HAU sowie gestandene Müllerexperten und -freunde wie die Dokumentarfilmer Thomas Heise und Hans-Jürgen Syberberg zur Beschäftigung mit dem Dramatiker und Denker an. Das führte zu überraschenden Neuinterpretationen, aber auch zu mancher kuriosen Situation.
Den australischen Performer mit Germanistikstudium-Background Damian Rebgetz etwa verschlug der Name Heiner Müller zunächst auf die Romantikfährte. „Mein Hirn mischte ihn zusammen mit Heinrich Heine und Wilhelm Müller“, gibt Rebgetz erfrischend offen zu. Nachdem er dann noch die Hürde überwunden hatte, dass Müller ja ein weiterer dieser toten weißen heterosexuellen männlichen Autoren ist, den queer optimierte Zeitgenossen eigentlich nur mit Handschuhen und Mundschutz an sich herankommen lassen dürfen, lernte er die materielle Wucht von Müllers Sprache schätzen. Auf Grundlage von Müllers „Medea Material“ lässt er in „Just Call Me Angel of the Morning“ Medea und die Argonauten in Geschlechterkämpfe und Öko-Kriege ziehen (am 4. und 5. März).
Müller als Digital-Propheten und Warner vor Big Data inszeniert hingegen die Truppe von andcompany&Co in „2045: Müller in Metropolis“ (3. + 5.3.). „Müller hat nach dem Fall der Mauer viel erzählt von der Hochzeit von Mensch und Maschine, und davon, dass das Schicksal der Menschen in Zukunft nicht von der Politik, sondern von der Technik bestimmt sei“, meint andcompany-Performer Alexander Karschnia. Müller habe dabei eine ambivalente Position eingenommen. „Er ­wollte nicht Maschinenstürmer sein, warnte aber auch vor einem Technikfundamentalismus und vor allem vor einem gesellschaftlich nicht kontrollierten Technologieeinsatz„, präzisiert Karschnia. Müller ist also Google- & NSA-Warner, noch bevor es Google und die NSA überhaupt gab. Müller wird nun als Geist im Jahre 2045 hochgeladen – dem Jahr, das der amerikanische Cybervisionär Ray Kurzweil als Geburtsjahr der Menschheit 2.0 bezeichnet, in dem die Intelligenz der Maschinen erstmals der der Menschen überlegen sein wird. In diesem Zukunftsspektakel werden dann auch Retrovisionen wie das computerbasierte „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“ (NÖSPL) recycelt, mit dem Walter Ulbricht die DDR zukunftsfähig machen wollte.
Der Techno-Müller ist ebenfalls zentral für Interrobang. Die Truppe entwirft einen Müller-Cyborg, mit dem man per Telefon debattieren kann. Heiner Müllers Zitatenschatz ist zwar endlich, umfasst aber immerhin etwa 170 mp3-Dateien mit Interviews aus 40 Jahren. Die interaktive Installation ist im HAU2 aufgebaut und über die gesamte Festivalzeit nutzbar.
Müllers einst verbotenem Drama „Die Umsiedlerin“ widmet sich der Filmemacher und Müllerkenner Thomas Heise mit Studenten aus Babelsberg und Wien. Motive des Werks sind neben der (zwangs-)kollektiven Form von Landwirtschaft auch die Ankunft und Integration von Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben. Das könnte interessante Sichtweisen auf die aktuelle Flüchtlingsthematik mit sich bringen (12.3.). Dem Umsiedler-Motiv geht auch Hans-Jürgen Syberberg nach, allerdings aus der komplementären Perspektive. Syberbergs Eltern wurden im Zuge der Bodenreform enteignet. Nach Mauerfall kaufte Syberberg das elterliche Gehöft zurück und baute es aus. Er verknüpft die „Umsiedlerin“ mit den Ereignissen auf seinem Gehöft in einer Installation (3.-6.3.).
Dem Tod schließlich, von Müller gern mit revolutionärem Pathos aufgeladen, um diesen Pathos dann genüsslich bröckeln zu lassen, ist der Theatermacher Boris Nikitin in „Martin Luther Propagandastück“ gemeinsam mit dem Performer Malte Scholz auf der Spur (11. und 12.3.). Auch so ein Thema, das angesichts des Lebens-Wegwerf-Furors so mancher (zu Recht) Kapitalismus-Enttäuschter beträchtliche Relevanz hat.
So verspricht „Heiner Müller!“ ein an Assoziationen und Verknüpfungen reiches Festival zu werden. Es zeigt und baut einen Denker, den manch einer schon mit der Epoche, mit der er verknüpft war, untergegangen glaubte, als prophetischen Zeitgenossen auf. Beachtlich.

Text: Tom Mustroph

Foto: Interrobang / Joseph Gallus Rittenberg

HAU 1-3
Do 3.–Sa 12.3., Eintritt 0-30 Ђ (je nach Veranstaltung), Festivalpass 30, erm. 20 Euro für drei Vorstellungen

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