Theater

Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll

Rimini_HERRMANNS_BATTLE_c_Hanna_LippmannWie immer bei Rimini nicht mit Schauspielern, sondern mit Experten der Wirklichkeit – zum Beispiel mit
Computerhackern, einer Srebrenica-Überlebenden und einem Bundeswehroffizier.

tip: Kleists „Herrmannsschlacht“ war nicht zufällig ein Lieblingsstück der Nationalsozialisten: Das Stück ist ein deutschnationaler Aufruf zum Partisanenkrieg gegen die Franzosen – der Germane Herrmann, der im Teutoburger Wald die Römer massakriert, als Vorbild im Kampf gegen Napoleon. Der Kleist-Biograf Günter Blamberger nennt diese Feier der exzessiven Gewalt ein „Skandalstück“. Was interessiert Sie daran?
Helgard Haug: Die Nazis haben „Die Herrmannsschlacht“ stark für ihre eigenen Propagandazwecke genutzt, das stimmt, deshalb verschwand das Stück nach 1945 ja auch erst mal von den Spielplänen. Man kann den nationalistischen Germanen-Krieger Herrmann aber auch als Widerstandskämpfer gegen einen übermächtigen Eroberer lesen, im Stück gegen die Römer, in Kleists eigener Zeit gegen Napoleon und heute gegen freiheitsbeschneidende politische Systeme. Für uns ist es in erster Linie ein Stück über einen Freiheitskampf. Diese absolut gesetzte Idee der Freiheit geht dann buchstäblich über Leichen. Das ist doch sehr aktuell. Bei uns stehen fünf Menschen auf der Bühne, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven über persönliche Freiheit und militärische Gewalt nachdenken, zum Beispiel ein früherer Bundeswehroffizier, der in einem Blauhelm-Auslands­einsatz war oder eine Deutsch-Ägypterin, die die sogenannte facebook-Revolution im Internet aber auch ganz konkret in Kairo miterlebt hat.

tip: Mit der Uminterpretation von Kleists deutschnationalem Agitprop zum antiimperialistischen Befreiungskampf hat auch Claus Peymann in einer erstaunlich intelligenten Inszenierung das Stück vor drei Jahrzehnten neu gelesen: Herrmann als Guerillero, so dass man bei Rom oder Napoleon automatisch die USA mitdachte. Ist das nicht eine Romantisierung von Kleists Gewalträuschen?
Daniel Wetzel: Wir romantisieren nichts. Man könnte von der Radikalität des Textes fasziniert sein und ihn trotzdem politisch ablehnen. Uns interessiert, das in Beziehung zu heutigen Kriegen und Konflikten zu setzen – von den Massakern in Srebrenica bis zur Revolution in Ägypten. Der Widerstand kann zivil sein, oder er kann neue Technologien benutzen, wie die Blogger im arabischen Frühling oder Internethacker.

tip: Bei Kleist geht es um enthemmte Gewalt, um massakrierte Körper und das Töten von Menschen. Dagegen wirken Internetaktivitäten sehr zivil und fast harmlos.

Haug: Nicht unbedingt. Einer der  Experten in unserem Stück ist Reverse-Engineer, er führt den Gegenbeweis. Er erklärt, wie man im Internet über Verschlüsselungssysteme bequem Euro in Bitcoin, eine Internetwährung,  wechseln kann. Die Geldflüsse lassen sich perfekt anonymisieren, man kann unerkannt alle möglichen Waren und Dienstleistungen kaufen, von Ketamin bis zu Kinderpornografie oder auch Auftragsmorden. Wir haben uns als interessierte Käufer dieser Dienstleistung ausgegeben und über konkrete Summen verhandelt. Was würde passieren, wenn man diesen Marktplatz zum Beispiel für das Theaterpublikum öffnen würde und die Zuschauer plötzlich per Klick ein Attentat in Auftrag geben könnten? Zum potenziellen Ziel wird dadurch plötzlich jeder Einzelne, der syrische Diktator Assad genauso wie Julian Assange – je nach Überzeugung der Auftraggeber. Spätestens an diesem Punkt sind Internetaktivitäten dann nicht mehr harmlos und zivil. Das gilt auch militärisch: Die Bundeswehr hat jüngst ein Abwehrzentrum gegen einen möglichen Cyberkrieg aufgebaut. Zumindest in Fachkreisen wird schon lange darüber nachgedacht, wie anfällig ganze Gesellschaften und Länder durch die Abhängigkeit vom Internet geworden sind. Was passiert, wenn feindliche Virenprogramme die Steuerungssoftware der Energieversorgungsunternehmen lahm legen und dieses Land plötzlich keine funktionierende Stromversorgung mehr hat und man noch nicht mal weiß, vom wem, von wo und mit welchem Zweck der Angriff gesteuert wurde? Auch darum geht es in unserem Stück.

tip: Welche Erfahrung hat der frühere Bundeswehroffizier, der bei Ihnen auf der Bühne steht, mit kriegerischer Gewalt gemacht?
Wetzel: Er war bei einer unbewaffneten UN-Blauhelm-Mission in Georgien. Seine Familie kommt aus der Region Frankfurt an der Oder, er kommt aus einem alten Adelsgeschlecht mit vielen Berufsoffizieren in der Familie. Das sind Parallelen zu Kleist. Er erzählt über seinen Blauhelm-Einsatz, wie es ist, zu versuchen, in einen sehr komplizierten Konflikt einzugreifen und fast nichts machen zu können, außer Präsenz zu zeigen und wie man gezwungen ist, immer wieder auch mit den Konfliktparteien zu kooperieren.

tip: Der Unterschied zur „Herrmannsschlacht“ ist, dass der Herrmann den Konflikt barbarisieren und radikalisieren will. Die Aufgabe von Bundeswehrsoldaten in Auslands­einsätzen ist genau das Gegenteil.
Wetzel: Der Bundeswehroberst Stünzner kann sich innerhalb des Personals der „Herrmannsschlacht“ auch eher in die anderen Germanenfürsten hineindenken, die mit Herrmanns Ideologie, der Freiheit selbst den Heimatboden zu opfern, nicht klar kommen, bis dann seine Propaganda Wirkung zeigt.  „Die Herrmannsschlacht“ radikalisiert eine nationale Befreiungsbewegung bis zur Ausrottung des Gegners. Die zentrale Frage, die der Text durchspielt, ist ja nicht die nach Krieg oder Frieden, sondern danach, wie man einen unschlüssigen und zerstrittenen Haufen zur nationalen Kampfmaschine, zum Volksheer in einem totalen Krieg vereinen kann.

tip: Einer Ihrer Mitwirkenden ist der sehr geschätzte Internetdenker Peter Glaser. Was ist seine Aufgabe in der Inszenierung?
Haug: Seine Art  aufzutreten ist es, online zu sein. Peter Glaser ist der Anwalt des Textes, parallel zur Aufführung liest er „Die Herrmannsschlacht“. Er schaltet sich immer wieder ein und verbindet die Kleist-Lektüre mit Berichten über den Erkundungs- und Freiheitsdrang, den er hatte, als er in der Frühzeit des Internets dieses neue, große Feld für sich entdeckt hat, die Zeit, in der die ersten Hacker in die Rechenzentren eingedrungen sind. Die militärischen Strategien, die man von der Herrmannsschlacht auf die Kesselschlachten des Zweiten Weltkrieges übertragen kann, überträgt er auf die Kämpfe zwischen Hackern, Systemadministratoren, Trojanern, Firewalls und Virenprogrammen, auf Szenarien möglicher Cyberkriege.

tip: Das sind, verglichen mit Kleist, trotzdem relativ unblutige Szenarien. Sind wir 200 Jahre weiter und etwas ziviler, ist Gewalt als Mittel der Politik heute zumindest in Europa durch subtilere Mechanismen ersetzt? Also: Wie fremd ist uns das, was Kleist beschreibt?
Wetzel: Ist das so, sind wir wirklich weiter? Wenn die Hand nur noch Klick mit der Maus macht? Und was ist mit den Hetzjagden, die im Moment von den Befreiern von Sirte auf die schwarze Minderheit in Syrien veranstaltet werden? Subtil ist höchstens, was in der Tagesschau daraus wird.
Haug: Eine unserer Protagonistinnen, eine beeindruckende Frau, hat Srebrenica überlebt. Sie beschreibt, was dort in den Massakern des Bürgerkrieges geschehen ist, wie dieses Städtchen von der Außenwelt abgeschnitten wurde, wie ihre Nachbarn zu Feinden wurden und die Häuser angezündet haben, wie die Gewalt völlig eskaliert ist zwischen Menschen, die früher friedlich miteinander in der gleichen Straße gelebt haben und wie alle männlichen Muslime, die größer waren als ein Maschinengewehr, vor den Augen der Blauhelme deportiert und später massakriert wurden. Auch nach Tagen ist es uns noch passiert, dass sich bei allen die Kehle so zugeschnürt hatte, dass für Minuten keiner mehr sprechen konnte, auch die Dolmetscherin nicht. Einmal ist sie bei einem Gefecht in eine Häuserruine geflohen und sah sich einer Schlange gegenüber. Sie hat eigentlich große Angst vor Schlangen, aber in dem Augenblick dachte sie, jetzt von einer Schlange gebissen zu werden und zu sterben, wäre besser als wieder in die Hände der Menschen zu geraten. Das wurde aus dem „Humanen“, dass man lieber vom Tier getötet werden will.

tip: Diese Szene könnte von Kleist sein.
Wetzel: Es ist zwar nicht seine, aber wir würden sie nicht erzählen können, wenn uns die Frage, was wir mit seinem Text anfangen können, nicht dazu gebrachte hätte, auch auf den  Zerfall des Nationalprojektes Jugosla­wien zu schauen und so Remzija zu begegnen.

tip: Die Massaker im früheren Jugoslawien sind unter anderem durch Einsätze der Bundeswehr beendet worden. Viele Linke halten sich für besonders gute Menschen, weil sie gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr demonstrieren. Angesichts dessen, was diese Frau in Srebrenica erlebt hat, ist das naiv oder obszön und ziemlich selbstgerecht. Wie geht es dieser Frau heute?
Wetzel: Sie lebt in Berlin. Es mussten ja viele zurück in die Trümmer ihrer Häuser und vor allem der Beziehungen zu den früheren Nachbarn. Sie sagt mit einer Überraschung über sich selbst, dass sie funktioniert. Sie ist selbst erstaunt darüber, dass sie, nach dem, was sie erlebt hat, jeden Morgen aufstehen und arbeiten kann. Aber wenn es in Berlin regnet, denkt sie an Granaten, wenn sie ein Flugzeug sieht, fallen ihr die Bomben ein. Damit ist sie sicher nicht allein. Berlin ist auch eine permanente internationale Konferenz der Kriegsüberlebenden und ehemaligen Soldaten, von Bosnien bis Vietnam, die noch viel zu wenig Mikrofone hat.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Hanna Lippmann

Herrmanns Battle HAU 2, 14.–18.11., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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