Theater

Helmut Lehnert im Gespräch mit Peter Laudenbach

helmut_lehnerttip Sie sind mit 58 Jahren, nach einer langen, steilen Radio- und Fernsehkarriere, im Juni vom RBB als Programmverantwortlicher zur Bar jeder Vernunft gewechselt. Wie kam das?

Helmut Lehnert Ich arbeite in der Bar jeder Vernunft und im Tipi am Kanzleramt, weil ich das Angebot bekommen habe, das zu machen. Das hat sehr viel mit Holger Klotzbach zu tun, Gründer und Betreiber der Bar und des Tipi und einer meiner ältesten und engsten Freunde. Das Ganze ist für mich auch deshalb sehr aufregend, weil ich hier etwas mache, was in den letzten 30 Jahren in meinem Leben etwas zu kurz gekommen ist.

tip Sie waren 32 Jahre beim SFB, ORB und RBB – lange Jahre in der Anstalt. Sie haben Wellen wie Fritz und Radioeins entwickelt und geleitet. Am Ende waren Sie als Unterhaltungschef beim RBB-Fernsehen in der Hierarchie ziemlich weit oben und dürften nicht schlecht verdient haben. Eigentlich hätten Sie die paar Jahre bis zur Rente doch auch noch gemütlich in Ihrem RBB-Büro absitzen können, oder?

Lehnert Ja, wenn es darum geht, gemütlich irgendwo zu sitzen, hätte ich das machen können, aber darum geht es mir ja nicht. Außerdem glaube ich nicht, dass es gemütlich geworden wäre. Der RBB hat er­heb­liche Strukturveränderungen vorgenommen.

tip Außerdem ist absehbar, dass der Sparzwang im RBB nicht kleiner werden wird.

Lehnert Ja, aber das bin ich gewohnt. Mit wenig Geld etwas Schönes zu machen, ist mir immer gelungen, sowohl im Radio als auch im Fernsehen. Das ist nicht so sehr das Problem. Aber wenn man aus 13 Hauptabteilungen fünf macht, wenn man Radio und Fernsehen und Internet zusammenlegt und da so richtig dicke Pakete schnürt, dann muss man als Verantwortlicher so eines Bereiches eine hohe Organisations- und Managementleistung bringen. Ob man das auf Dauer will, ist eine Frage. Ich wäre sehr weit vom eigentlichen Produkt, den einzelnen Sendeformaten, entfernt gewesen. Außerdem habe ich in den letzten Jahren immer darüber nachgedacht, was anderes zu machen.

tip Das klingt ein bisschen nach der typischen Sinnkrise eines erfolgreichen Managers, der sich ir­gendwann fragt, ob er den Rest seines Berufslebens im Hamsterrad rennen will.

Lehnert Na ja, ich bin ja nicht ins Kloster abgetaucht. Ich war immer stolz auf das, was ich gemacht
habe, ob das Fritz war oder die „Kurt Krömer Show“. Aber das hat keine Machtgefühle bei mir erzeugt. Dafür bin ich nicht der Typ, auch wenn in so einem Sender natürlich viele Leute mit einem großen Ego rumlaufen, das ist ja auch nicht unbedingt schlecht. Ich glaube, das größte Problem in so einem öffentlich-rechtlichen Apparat ist, dass die Leute sehr schnell darauf angewiesen sind, sich selbst zu mo­tivieren, weil sie aus dem Apparat im Zweifel nicht groß motiviert werden. Andererseits: Ich war in der ARD nie frustriert.

tip Echt nicht? Auch nicht in den endlosen Gremiensitzungen, auch nicht, wenn jede neue Idee erst mal abgebügelt wird?

Lehnert Für mich war das immer eher ein Anreiz. Der Widerstand aus dem Apparat war einfach notwendig, um die eigenen Ideen
zu überprüfen, weiterzuent­wickeln und kreativ durchzusetzen.

tip Sie haben Kurt Krömer ins Fernsehen geholt und ein Show-Format für ihn entwickelt. Muss­ten Sie für diese riskante Art von Anarcho-Entertainment viele Wi­derstände und Bedenkenträger im Apparat umschiffen?

Lehnert Weshalb soll Krömer im Fernsehen riskant sein? Man kann ja sehen, wie es draußen auf
der Showbühne funktioniert, dann wird es auch im Fernsehen funktionieren. Es gibt einfach sehr wenig gute Leute und nicht so viele Künstler mit diesem Talent und diesem Potenzial. Kurt Krömer ist einfach aufregender als all die Leute, die darauf aus sind, „Me-too-Produkte“ anzubieten und breitgetretene Erfolgsmodelle zu kopieren …

Das gesamte Interview von tip-Redakteur Peter Laudenbach lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 16/09.

Foto: Harry Schnittger

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