Theater

Hemmungslose Nähe: Die Tanztage 2015

Tanztage in den Sophiensälen 2015

Der Höhepunkt der Tanztage hat einen vielversprechenden Titel: „Strip down to Everything“. Das könnte das Motto des ganzen, gut etablierten Nachwuchs-Festivals in den Sophiensжlen sein. Sich völlig nackt ausziehen, die Hosen runterlassen, dieser Titel eines neuen Festival-Formats verspricht etwas mehr, als man vom Theater eigentlich verlangen möchte. Es geht um ein intimes Pas de deux von Zuschauer und Tänzer, ein im besten Sinne riskantes Aufeinander­treffen ohne Bühnenkante, ohne den Orchestergraben, der das Publikum vor dem Theater schützt.

Tanz für einen einzigen Zuschauer

Ganz direkt und unmittelbar begegnen sich zwei Menschen. Der eine ist Künstler, der andere Zuschauer. Eins zu eins. Sie schaut, er tanzt für sie. Oder er schaut, sie macht ihm was vor. Wie Bridie Gane. Die Britin, Gewinnerin in der Rubrik Bestes deutsches Tanz­solo bei der euro-scene in Leipzig, erinnert vor einem Augenpaar an die fast vergessene Tradition weiblicher Zauberer. Auf den Spuren der Taschenspielerinnen des 19. Jahrhunderts übt sie die hohe Kunst der Illusion — und lässt tief blicken in das erotische Spiel mit der Erwartungshaltung.
„Setz dich unter den Tisch“, hat sie bei einer Probe gesagt, und Zwoisy Mears-Clarke gehorchte, starrte auf eine dort auf dem Boden abgelegte Tafel Schokolade und harrte, verdeckt von einer Tischdecke, der Dinge, die kommen würden. Was stattdessen kam, war die Erkenntnis, wie manipulierbar der Mensch ist. Zwoisy hat gehorcht, hat gewartet, hat die Schokolade angestarrt und sich nicht getraut, sie aufzuessen. Wer weiß, wozu die Schokolade noch gebraucht wird.
Zwoisy Mears-Clarke, geboren in Jamaika, tanzt heute in Berlin und weiß, in was für eine Opferhaltung der Zuschauer geraten kann. Bridie Cane blieb einfach draußen vor der Tür. Allein unter dem Tisch kamen Zwoisy Erinnerungen hoch. Als Kind ging sie mit der Mutter auf eine in Jamaika eher seltene Kirmes. Im Getümmel band sie sich die Schuhe zu, verlor die Mutter aus den Augen, fiel vor Schrecken hin. Eine fremde Frau hob sie hoch, herzte und tröstete sie. Normal sei das in Jamaika, gewohnt sei man, Fremde zu behandeln wie Angehörige der eigenen Familie – ein Verhalten, das dem Westen eher fremd ist. Hier schüttelt man sich die Hand, fällt einem Unbekannten aber kaum in die Arme, obwohl man es sich manchmal wünscht – Körperkontakt, der schützt, aber zu nichts verpflichtet.

Tanz im Darkroom

Es kann einem passieren auf dem Parcours „Strip down to Everything“ bei den 24. Tanz­tagen, von Zwoisy Mears-Clarke ganz fest in den Arm genommen zu werden. Oder man trifft in einem Dark­room auf Jo Koppe. Oder wird von Elena Dragonetti aufgefordert, sich in die Vergangenheit der Ballroom-Tänze fallen zu lassen. Oder wird vom Finnen Simo Vassinen in eine geführte Meditation gelockt. Oder erfährt von Louise Trueheart die Unmöglichkeit der körperlichen Interaktion bei so gewöhnlich interaktiven Medien wie Skype. All das geschieht in den Sophien­sжlen, im Gewölbekeller, auf der Toilette, im Treppenhaus, in der Smokers’ Lounge.
Genau 96 Menschen, so hat die Festival-Kuratorin Anna Mülter ausgerechnet, können „Strip down to Everything“ erleben. Der Zuschauer begegnet auf einer der zwei Touren jeweils drei Tänzern. Bei jedem verweilt man 15 Minuten. Das Ganze startet an vier Tagen vom 8. bis zum 11. Januar jeweils zwei Mal. Es ist ein exklusives Vergnügen, das deutlich die Handschrift der Kuratorin trägt. Zuvor am HAU in der Ära von Matthias Lilienthal war Anna Mülter die Frau fürs „X“. Sie organisierte den Parcours durch die Berliner Privatgemächer bei „X-Wohnungen“, bei Theater der Welt 2014 in Mannheim hieß das „X-Firmen“. Von ihr stammte, gemeinsam mit Anna Wagner, das unvergessliche „X-Choreografen“ 2012 beim Festival Tanz im August, als Zuschauer im Kiez des Bahnhofs Zoo auf provozierende Stripkunst und Pole Dance in kuriosen Locations stießen.

Techtelmechtel der Zweisamkeit

Woran das erinnert? In dieser Form von Intimität sicher an die britische Live Art, an das kokette Flirten mit queeren Künstlern wie Adrian Howells oder Tania El-Koury. Die möglichst hemmungslose Nähe des Tänzers zum Voyeur hat auch Berlin schon kennengelernt. Die distanzlose Lust installierte Felix Ruckert, heute Betreiber der Schwelle 7 im Wedding, in den 1990er-Jahren im Dock 11. Für „Hautnah“ kam ein erwartungsfrohes Publikum; es erhielt einen „Zimmerschlüssel“ und wartete sehnsüchtig und allein auf seine Wahl, einen Tänzer, der von Zeugen unbeobachtet mit einem nun irgendetwas anstellen würde – Handgreifliches, Sinnliches, Romantisches. Was auch immer Thema im Tanz ist, im erotischen Techtelmechtel der Zweisamkeit begegnet einem derselbe Tanz, nur löst sich die Distanz zwischen Zuschauer und Künstler dermaßen auf, dass jeder Imam begründen kann, warum es in seiner Religion ein Tanzverbot gibt.
Höhepunkt des Bühnenprogramms bei den Tanztagen ist Melanie Jame Wolf. Sieben Jahre lang tanzte sie auf dem Schoß zahlender Männer in australischen Clubs – und wird es nun wieder tun, vor aller Augen, und dabei die Lust an der Intimität blankziehen. Erotischer Tanz, sagt sie, ist sehr, sehr harte Arbeit.

Text: Arnd Wesemann

Bild: Giacoma Corvaia

Tanztage 2015, Sophiensäle, 8.–18.1., ?Karten-Tel. 283 52 66, ?www.sophiensaele.de

Termine Tanztage 2015

„Strip Down to Everything“ ?für je einen Zuschauer, ?8.–11.1. ab 17 Uhr und ab 21 Uhr, ?Start im 15-Minuten-Takt

Anne-Mareike Hess ?und Miriam Horwitz: „Palais Idйal“, 8.+9.1.

Aoife McCatamney: „Softer Swells“, 8.+9.1.

Martin Hansen: „A Queer Kind of Everything“, 8., 9.1

Boygroup Boyz in the Woods: „Sunsational Circle“, 8.1.

Sheena McGrandles ?und Zinzi Buchanan: ?„Steve & Sam’s Man Power Mix“, ?10.+ 11.1.

Claire Vivianne Sobottke?und Tian Rotteveel: ?„Golden Game“, 12.+13.1.

Melanie Jame Wolf: ?„Mira Fuchs“, 13.+14.1.

Noha Ramadan: ?„Los Angeles“, 14.+15.1.

Vincent Riebeek: ?„Flaming Lamborghini“, 14.+15.1.

Andriana Seecker ?und Alex „Micky“ Schiffler: ?„Meet Me As a Stranger“, 15.+16.1.

Alexander Baczynski-Jenkins: ?„Feeling Real“, 17.+18.1.

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