Theaterbuch

Hier ist alles anders: Volksbühne

Besuchen Sie die Volksbühne, solange Sie noch steht: Zwei neue Bücher ziehen vorläufige Bilanz der Castorf-Ära

Volksbühne
Foto: Robin Schroder / flickr / CC BY-NC-ND 2.0

Sophie Rois ist immer etwas irritiert, wenn jemand sie einfach für eine Theaterschauspielerin hält: „Nein, ich bin an der Volksbühne! Hier ist alles anders, wisst ihr das nicht? Das kann man doch sehen!“

Was an der Volksbühne und an Castorfs Regiekünsten so anders ist und wie diese Anders- und Einzigartigkeit sie in den letzten zwei Jahrzehnten zum ausstrahlungsstarken Theaterkraftwerk gemacht hat, versuchen jetzt, ein Jahr, bevor das Abenteuer mit Castorfs Rauswurf zu Ende geht, zwei neue Bücher zu durchleuchten – sozusagen Arbeit am Mythos und live geschriebene Theatergeschichte. Wenn die Legendenbildung schon unvermeidlich ist, wollen die Akteure das wenigstens selbst in die Hand nehmen. Beide aus vielen Stimmen montierten Bücher sind durchaus aus Fan-Perspektive verfasst und kompiliert, beide sammeln Material, Einzelbeobachtungen, Selbstauskünfte, Erinnerungsmomente der Beteiligten und Wegbegleiter. Eine Synthese der Beobachtungscollage ist nicht ihr Ziel. Aber vielleicht ist dieses perspektivreiche, nicht auf abschließende Diagnosen zielende Bild der Volksbühne, die allen anders lautenden KIischees zum Trotz zwar eine Haltung, aber nie so etwas wie einen Einheitsstil entwickelt hat, ja genau angemessen.

Die Außenperspektive und die weltweite Wirkung von Taiwan bis Brasilien untersucht ein Arbeitsbuch der Zeitschrift „Theater der Zeit“: Wie es aussieht, hat Castorf die Vorstellung dessen, was Theater sein kann, nicht nur für das kleine Berlin für die Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg und der Systemkonkurrenz, nach Pop und Postmoderne neu definiert. Interessant an dieser etwas hagiografischen Stimmensammlung ist, wie Theaterleute aus völlig unterschiedlichen Kontexten und Kulturen Castorfs post- und neo-ideologisches Theater lesen. Eine düstere Zeitdiagnose, die an Castorfs zivilisationspessimistisches Theater andockt, liefert der russisch-amerikanische Philosoph Boris Groys, der mit guten Argumenten ein Zeitalter neuer, sozusagen postmoderner Faschismen heraufziehen sieht. Bei Castorf konnte man schon länger sehen, dass der liberale Westen möglicherweise nicht das Ende der Geschichte markiert.

Für die Innensicht ist das zweite Buch ergiebig. Der Dramaturg Frank Raddatz, bekannt geworden durch seine apokalyptischen Gespräche mit Heiner Müller, hat für seine Recherche unter dem etwas pompösen Titel „Republik Castorf“ mit den prägenden Künstlern der Volksbühne gesprochen, um das Betriebssystem dieses Theaters, das sich seine Regeln selber macht, zu verstehen: ­Kathrin Angerer, Sophie Rois, Henry Hübchen, Christoph Marthaler, René Pollesch, Hendrik Arnst, Marc Hosemann, Herbert  Fritsch, Carl ­Hegemann, Sophie Rois und natürlich Castorf himself geben so persönlich wie reflektiert und mit lässigem Stolz über das Kapitel Theatergeschichte, das sie zusammen geschrieben haben, Auskunft. Das lange Gespräch mit Bert Neumann, der die Volksbühne mindestens so stark prägte wie Castorf, dürfte die letzte öffentliche Selbstauskunft des vor einem Jahr gestorbenen Volksbühnen-Masterminds, LSD-Designers und Erfinders des Life-Video-Theaters sein. Eher nebenbei formuliert er einen Kern des Selbstverständnisses, der den Unterschied zum üblichen Theaterbetrieb markiert: Man versteht sich nicht als erfolgsorientierte Kunst-Servicekraft. „Man wird leicht zum Dienstleister, zum Sklaven von Regeln. Das ist nicht besonders toll“, konstatiert Neumann. „Es ist eben kein Zufall, dass ich dachte, ich gehöre nicht ans Theater. Castorf ist auch niemand, der Intendant werden wollte, sondern das ist einem einfach widerfahren. Man hat das Haus bekommen und hat das Theater gemacht, das man wollte.“ Dieses lässige Selbstbewusstsein, lieber gar nichts zu machen, als etwas, was man nicht will, ist nicht die unwichtigste Zutat im Volksbühnen-Cocktail.

Einen anderen Kern formuliert Sophie Rois: Ein gewisses Desinteresse am Trendstrebertum und das Vertrauen auf das altmodische Medium Theater. Das dürfte die entscheidende Differenz zu den touristenkompatiblen Events markieren, die der Volksbühne mit Castorfs Nachfolger Dercon bevorstehen. „Ich selber begreife mich als Traditionalist. Ich sehe mich nicht als modernen Schauspieler“, macht Sophie Rois klar. „Ich mag es nicht, wenn man im Kammerton von rechts nach links schleicht, sondern wenn man nach vorne geht und dabei nicht so tut, als wäre das Publikum nicht vorhanden. Ich würde nicht sagen, dass wir an der Volksbühne modern sind. Wir sind viel traditionalistischer und gehen hinter das 19. Jahrhundert zurück, hinter die Verheerungen, die das 19. Jahrhundert durch die Psychologisierung des Theaters und die Behauptung der Vierten Wand angerichtet hat. Damit hat die Volksbühne nicht das Geringste zu tun. Diese Vorabendserien-Empfindlichkeit kommt hier nicht vor.“ Punkt.
Ähnlich apokalyptische Geschichtsbilder wie Boris Groys malt Castorf in den Gesprächen, die er den Herausgebern der beiden Bücher gegeben hat: dass die westliche Zivilisation des liberalen Kapitalismus nur noch nicht weiß, dass sie an ihrer eigenen Zerstörung arbeitet, gehört zum ideologischen Sprengstoff, mit dem Castorf am liebsten hantiert – gerne im Flirt mit totalitären Denkern wie Carl Schmitt.

Während Raddatz an dem Buch arbeitete, wurde langsam klar, dass Castorfs Nachfolger Chris Dercon parasitär vom alten Ruhm profitieren und das Theater dabei entkernen und zum hippen Label machen wird. Also hat Raddatz Sophie Rois noch einmal getroffen und sie gefragt, was sie von dieser Entwicklung und Dercons Berufung hält. Ihre Antwort ist deutlich: „Diese Entscheidung und wie sie getroffen wurde, die Argumente, mit denen sie verteidigt wurde, lassen nur einen Schluss zu: Sie wissen nicht, was sie tun. Das alles ist so ahnungslos. Diese Leute haben sich aufgeregt über den Satz von Bert Neumann: ‚Wir haben die Volksbühne gemacht.‘ Aber Bert Neumann hat die Volksbühne tatsächlich gemacht, die unverkennbar ist; die eine Ästhetik geprägt hat. Diese Marke wird jetzt von Dercon abgegriffen, um damit in der ganzen Welt hausieren zu gehen. Das Theater wird dabei draufgehen, aber Herr Dercon hat einen neuen Absatz in seinem Lebenslauf. Man wird das Haus nicht unbedingt schließen, irgendwas wird schon zappeln, nur wird es sein wie überall.“

Republik  Castorf herausgegeben von Frank Raddatz, 379 S., Alexander Verlag, 18 €

Arbeitsbuch Castorf herausgegegeben von „Theater der Zeit“, 184 S., 24,50 €

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