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„Hier und Jetzt“ beim Theatertreffen überzeugt nicht

Hier und jetzt
Das Problem beim Theatertreffen ist, dass es nicht jeder Aufführung bekommt, als eine der zehn bedeutendsten Inszenierungen der Spielzeit auf das Podest gehoben zu werden. Jürgen Goschs Züricher Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs flotter, flacher Komödie „Hier und Jetzt“ ist so ein Fall. Schimmelpfennig, einer der erfolgreichsten und routiniertesten Gegenwartsdramatiker, zeigt eine entgleitende Hochzeitsgesellschaft, bei der schon mal vorweggenommen wird, wie diese Ehe in etwa einem Jahrzehnt scheitern wird.

Die Festgesellschaft an der langen Tafel liefert ein liebevoll ins Groteske getriebene Sittenbild, samt umfallenden Weingläsern, einem sabbernden älteren Herren mit dauernörgelnder Gattin, verlebten Bonvivants und zwei Junggesellen, die sich gerne mal ausziehen oder in Ritterrüstungen aufeinander losgehen. Das Hochzeitspaar ist eher von der trostlosen Sorte. Er ein mümmelnder Depressiver mit kleinem Alkoholproblem (Wolfgang Michael), sie eine Möchtegernmondäne (Dörrte Lyssewski). Das Mitleid hält sich denn auch in Grenzen, als irgendwann der finale Ehebruch durchgespielt wird, die Gattin mit ihrem windigen Lover verschwindet („die ging vielleicht ab“) und der verlassene Ehemann als trostloses Häuflein zurück bleibt.

HIER UND JETZTErst als er Amok läuft und den Rivalen blutig prügelt, kommt noch mal so etwas wie Leben auf. In Zürich findet das in der Schiffbauhalle statt, für das Berliner Gastspiel haben die Festwochen den alten Postbahnhof am Gleisdreieck angemietet, was vor allem den Vorteil hat, dass man durch das Glasdach sehen kann, wie es langsam Nacht wird über Berlin und über der umnachteten Party-Gesellschaft. Das Publikum sitzt wie auf einem Hügel auf einer treppenförmig ansteigenden Arena aus Erde vor der Festtafel (Bühne: Johannes Schütz), aber auch das trägt nicht zu Erkenntnisgewinnen bei. Das Problem von Stück wie Inszenierung ist der Boulevard für bessere Kreise, das saturierte Lachen, die tiefe Harmlosigkeit und die arg selbstzufriedene Routine, mit der jede Pointe und jeder absurde Moment serviert wird. Andererseits: Es ist die vierte Inszenierung des diesjährigen Theatertreffens und die erste echte Enttäuschung, kein schlechter Schnitt.

Text: Peter LaudenbacH
Fotos: Matthias Horn

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