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Highlights beim Tanz im August

Eisa Jocson ist die Verführung in Reinkultur. Mit „Host“ vollendet die philippinische Tänzerin ihre radikale Trilogie über die Sexarbeit in ihrer Heimat. Nach einem Pole-Dance und ihrem auch in Berlin schon gastierten „Macho Dancer“ gibt sie eine herausfordernde japanische Geisha, die sich bis auf ihre Seele auszieht. Sie überlässt das Publikum ganz seinem Voyeurismus, sie klagt nicht an, sondern zelebriert gnadenlos die Stereotypen – und das mit einer so atemberaubenden Körperbeherrschung, dass man nicht umhin kommt, es als das bislang beste Werk der 29-Jährigen zu bezeichnen.
In Europa berühmt wurde die Kanadierin Marie Chouinard, als sie schonungslos Ballerinen auf Krücken auftreten ließ. Soeben beim neuen Festival Colours in Stuttgart uraufgeführt, zeigt sie in „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ ein derart energiegeladenes Paar, das sich in Slow Motion so schwer zu beherrschen sucht, dass wir vor diesen Individuen ehrfürchtig erstarren – durch einen gekonnten, kinematografisch wirkenden Catwalk, bestehend aus lauter historischen Tableaux vivants, die Chouinard noch um ein etwas älteres Werk ergänzt: „Henri Michaux: Mouvements“, eine Hommage an den Meskalinrausch des belgischen Malers und Dichters.Auch dies eine sehr beeindruckende Kalligrafie aus purem Tanz.
Adam Linder (Foto: „Auto Fiction Reflexo“) heißt der Berliner Newcomer des Jahres. In „Auto Ficto Reflexo“ setzt er dem Gerücht, dass Tänzer vor allem über Tanz nachdenken, ein kleines, feines Denkmal. Der gebürtige Amerikaner und sein Partner Justin F. Kennedy wenden sich anhand von Charts und Fakten an ihre Kritiker: Braucht der Tanz überhaupt noch ihren Verbraucherschutz? Lässt sich über Tanz noch nachdenken, wenn wir bloß noch politisch korrekt Männchen und Weibchen in ein zahlenmäßiges Verhältnis setzen, ebenso den Anteil von Weiß- und Nicht-so-Weißhäutigen? Was beurteilen wir? Rechnen wir wirklich die Anzahl an getätigten Sprüngen, die Intensität des Rhythmus und sonstige nicht sprachliche Aktivitäten mit der auratischen Präsenz eines Tänzers solange auf, bis wir uns ein gerechtes Urteil bilden können? Wollen wir doch gar nicht. Ein mutiges Stück, das dem Betrachter und dessen berühmtem Stöhnen nach der Vorstellung einen großartigen Spiegel vorhält.
Ahn Aesoon ist Koreanerin und seit Kurzem Chefchoreografin der Korea National Contemporary Dance Company – ein gewaltiges Ensemble, das aller Welt beweisen will, dass nicht die Klassik wie in Japan oder China, sondern das Zeitgenössische die Zukunft in Fernost ist. Es geht um ein Wortspiel. „Bul-ssang“ meint im Koreanischen die Statue Buddhas aber auch das „Bemitleidenswerte“.
Die Bühne übersät der Pop-Art-Künstler Choi Jeong-Hwa mit religiösen Figuren: hier ein goldener Buddha, da ein Jesus, dort Maria, dazu Geister und überirdische Wesen für all jene, die sich kein Bild ihres Gottes machen sollen. Mittendrin agieren die Tänzer, die eine eher rasant zu nennende Party veranstalten, wobei sich Hip-Hop, indischer Kathak und N?-Tänze aus Japan munter mischen – als ein tunlichst globales Happening mit nur geringem göttlichen Sendungsbewusstsein.“

Text: AW
    
Foto:
Sara Bohn


Marie Chouinard:
„Soft Virtuosity“ und „Henri Michaux: Mouvements“, Haus der Berliner Festspiele, Mi 19.+Do 20.8., 20 Uhr

Adam Linder:
„Auto Ficto Reflexo“, HAU 1, Mi 26.–Sa 29.8., 21 Uhr

Korea National Contemporary Dance Company:
„Bul-ssang“, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz,?Fr 28.+Sa 29.8., 21 Uhr

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