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„Hinterm Horizont“ im Theater am Potsdamer Platz

HintermHorizontBereits vor der Premiere hatte die Stage Entertainment GmbH gut 100.000 Karten für das Udo-Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ abgesetzt. Das ging zwar nicht von allein, aber immerhin wie geschmiert. Der „Welturaufführung“ ging eine mit reichlich Freidrinks versorgte „Medienpreview“ samt Pressekonferenz vo­raus. Dort saß UDO noch wie in tiefer Scham zusammengekauert in seinem Sessel und vernahm, wie Regisseur Ulrich Waller und die Stage-Superprofis von „Supersynergie“ zwischen UDO, STAGE, BILD, der ARD und anderen Marktteilnehmern sprachen. Und nicht zuletzt von der zeitgeschichtlichen Größe des UDO und den damit zusammenhängenden geopolitischen Erschütterungen.

Danach sprach UDO. Er sprach von „kultureller Identität“, vom „Vibrator“, den er in den Hälsen der Darsteller nicht hatte haben wollen. Und schließlich von „Pipi“, das ihm das Stück „in die Augen getrieben“ habe. Wenn UDO dann bei der „Medienpreview“ tatsächlich auf der Bühne steht, ist unübersehbar, was für ein abgefeimt kontrollierter Performer er ist. Der Mann hat es geschafft, das Zappeln des depravierten Alkoholikers als Markenzeichen seiner Lockerheit zu etablieren und den manierierten UDO-Sprech als „unverkopft“ zu verkaufen: Der Künstler als sein eigenes Markenzeichen, was vielleicht peinlich, aber auch eine stramme Marketing-Leistung ist.

Das Libretto hat Thomas Brussig geschrieben. Es ist seinem Drehbuch für den Film „Sonnenallee“ nicht unähnlich: Eine sagenhafte Kostüm-DDR gibt sich einmal mehr der Lächerlichkeit preis. Das Bühnenbild (Raimund Bauer) dominiert zunächst ein von der Decke hängender riesiger Hut, Marke UDO. Dem tonnenschweren Hut folgen weitere tonnenschwere Zeichen: Friedenstaube, FdJ-Logo und natürlich das DDR-Nationalemblem, wie es ähnlich riesig über dem Palast der Republik prunkte, wo die Geschichte mit Lindenbergs Konzert 1983 ihren Anfang nahm (Reinhold Beckmann begeistert in BILD: „Udo hat schon 1983 Risse in die Mauer gesungen.“). Videoprojektionen mit Dokumentarbildern von UDO in der DDR, Mauerbau und Mauerfall stopfen die Lücken zwischen den einzelnen Szenen.

Größtenteils spielt das gut drei Stunden überlange Stück aber in einer „Sonnenallee“-„DDR“-Wohnküche und ist, wie im Boulevardtheater handelsüblich, strikt auf die Pointen hin inszeniert. Eher statisch sind die Choreografien. Sie folgen einem rein additiven Prinzip – und noch einen und noch einen, immer drauf. Das führt zu teilweise grotesken Überbietungen. In der Choreografie der Berliner Mauerfall-Party taumeln zwei Ampelmännchen, das DDR-TV-Sandmännchen und der besonders tumbe Berliner Bär, im Hintergrund Tänzer in Subkultur-Aufmachung – Gothic Girl, Skinhead wie in einer Fremdenverkehrsbroschüre.

Und was ist aus den mauerzerreißenden UDO-Songs geworden? Die Arrangements der Songs und ihre Ausführung durch eine zwölfköpfige Band soll Lindenberg penibel überwacht haben. Von einem Kontrast zwischen Musical-Form und Rocksong kann keine Rede sein. Vielleicht, weil Lindenberg sowieso schon immer eine Art Kabarett-Version der angeblich so rebellischen  Rockmusik abgeliefert hat.

Serkan Kaya agiert in der Rolle des jungen UDO eher vorsichtig. Die Liebesgeschichte mit dem „Mädchen aus Ost-Berlin“ Jessy (Josephin Busch) ist hoffnungslos platt. Zum Stück gehören auch zwei umfangreiche UDO-Double-Castings. Das erste organisiert die Stasi, das zweite spielt im Foyer des Hamburger Hotels Atlantic, dem mythologischen Wohnsitz des UDO. Das zentrale Stichwort in dieser Szene lautet: „Cash“, womit in schöner Offenheit benannt wäre, um was es bei dieser UDO-Ruhmresteverwertung geht. Brillant.     

Text: Andreas Hahn

tip-Bewertung: Uninteressant

Hinterm Horizont: Termine
im Theater am Potsdamer Platz,
Karten-Tel. 01805/44 44

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