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"Hiob" am Deutschen Theater

"Hiob" am Deutschen Theater

Hiob verliert ja bekanntlich den Glauben an Gott, aber Anne Lenk, die Regisseurin, hat einen unterschütterlichen Glauben an Roth. Joseph Roth, dessen Roman sie ohne nennenswerte Regie-Einfälle auf die Bühne hieft. Zu sehr hat sie sich da wohl mit ihrer Dramaturgin Sonja Anders von der Roth’schen Sprache überwältigen lassen, dass sie ihre Spieler kaum je in Szene, sondern allzu oft brav auf die Rampe setzt und ihre Dialoge ohne Regung Richtung Publikum aufsagen lässt. Und das klingt schon fast interessanter als es ist.
Der halbtransparente Stoff, der die Bühne auf die schmale Rampenzone reduziert, auf der das "Kennenlernen" der Familie im russischen Schtetl erfolgt – er wird mit Gegenlicht bestrahlt, als die Singers nach New York emigieren. So wird dann auf der ganzen Bühnenfläche, nun ja, gespielt, kann man nicht sagen. "Was gehen mich diese Leute an?", fragt Mendel Singer, seiner Umwelt, seinem Umfeld entfremdet. Man fragt sich das tatsächlich über diese schrecklich nette Familie: Was soll sie uns angehen? Zu statisch werden ihre Sorgen bloß dahinbehauptet, statt sie uns vor Augen zu halten.
Den Szenenapplaus des Abends sponsert das wohlwollende Publikum, als Schauspieler ?Edgar Eckert in einem breitesten Pseudo-Texanisch zu kommunizieren versucht, wie man es stärker nicht vernuscheln könnte. Zugeständnis an den Boulevard, aber leider forcieren diese albernen Momente nicht mal die Tragik der Singers. Die Söhne verliert Mendel im Krieg, die Tochter (kokett: Lisa Hrdina) verfällt dem Wahnsinn, die Frau (Almut Zilcher: relativ lebendig) stirbt. Aber all dies geschieht so hölzern, papieren, dass es einen kaltlässt wie die zweitbeste Seifenoper.
Oder ist das Verwehren von Empathie gerade Lenks Regie-Konzept? Man muss es bezweifeln, schließlich schenkt sie dem Publikum zwei große Theatermomente, die einem fast das Herz zerreißen: Sohn Menuchim (Alexander Khuon) und Vater Mendel (Bernd Moss) können eigentlich nicht miteinander reden, da Menuchim kein Wort außer "Mama" sagt. Sie tun es dann aber zweimal doch, indem sie sich jeweils auf die Wange tippen und sich dabei Blub-Laute wie Morsesignale zusenden. Bernd Moss darf am Ende auch ausrasten und drohen, dass er Gott verbrennen wolle. Dabei wirkt er eher wie einer, der höchstens mal ­einen Böller in den Nachbarsgarten wirft. Das ist ein Hiob mit Handbremse, ein Hörbuch, wenn man es gut meint.    

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Sa 9.4., 20 Uhr, So 24.4., 19 Uhr; 12–48 Euro

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