Theater

Johan Simons „Hiob“ im HAU

Hiob
Am Ende darf Mendel Singer endlich ausruhen „von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder“. Menuchim, sein jüngster, längst tot geglaubter Sohn, ist mit dem Schiff über das Meer gekommen und erlöst den Vater von seiner Schuld.
Mendel, ein galizischer Jude, hatte das behinderte Kind in der Heimat zurückgelassen, als er mit seiner Familie nach Amerika auswanderte. Um der Zukunft willen opferte Mendel die Vergangenheit und verlor dabei alles, als er mit Menuchim sein besseres Selbst von sich stieß: Die Frau ist ihm gestorben, ein Sohn im Krieg gefallen, der andere verschollen und die Tochter im Irrenhaus. Es ist die Vergangenheit, die ihn rettet, die verleugnete, tot geglaubte Herkunft in Gestalt des verlorenen Sohnes. Menuchim, wundersam genesen und zu einem berühmten Musiker gereift, kehrt zurück zum Vater. Das Wiedersehen der beiden ist mehr als ein Happy End, es ist eine Utopie.

Hiob
Denn es war nicht Gott, der den modernen Hiob Mendel Singer prüfte. Der fromme Dulder selbst hat sein Leben und seine Familie zerstört, als er den kranken Sohn für einen bösen Sohn hielt. Sein Glaube war so starr, dass er Mendel zu einem Unmenschen hat werden lassen. Und so ist es denn auch keine überirdische Fügung, der er seine Erlösung verdankt, es ist der irdische Fortschritt. Die moderne Medizin hat Menuchim geheilt, die moderne Technik hat ihn nach Amerika gebracht, und sein Lied hat Mendel auf einem Grammophon gehört, dessen Nadel „die ganze Welt auf einer kleinen Platte eingraviert“. Als Menuchim dem Vater vom 32. Stock­werk seines Hotels aus das nächtliche New York zeigt, vermeint Mendel, ein Himmelzeichen aus sprühenden Funken zu erblicken. Dabei ist es nur eine Leuchtreklame. Dass die Mittel, derer sich das Schicksal bedient, profan sind, macht sie nicht weniger wunderbar.
Im vergangenen Jahr hat Johan Simons Joseph Roths 1930 erschienenen „Hiob“-Roman an den Münchner Kammerspielen inszeniert, die er von 2010 an leiten wird. Der niederländische Regisseur setzt mit „Hiob“ seine Auseinandersetzung mit Glaubensfragen aus der Perspektive des aufgeklärten Intellektuellen fort. Mit „Hiob“ ist ihm einer der berührendsten Theaterabende der vergangenen Spielzeit gelungen. Seine Inszenierung ist selbst ein großes Wunder und ein Triumph der Anti-Regie-Egozentrik.
Das liegt zunächst einmal an der kongenialen Fassung von Simons’ Dramaturg Koen Tachelet, der den druckvollen Erzählfluss auf die Lippen der Darsteller umgeleitet hat, ohne dabei den begrenzten Horizont dieser einfachen, bäuerlichen Romanfiguren zu sprengen.
Der Gegensatz der Welten spiegelt sich in Roths Sprache wieder.

Mehr zu „Hiob“ lesen Sie im Heft 05 des tip-berlin auf S. 50

Text: Christopher Schmidt
Foto: Andreas Pohlmann


Hiob
im HAU 1, Stresemannstraße 29, Kreuzberg,
Sa 28.2., So 1.3., 19.30 Uhr

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