Theater

Staging Cambodia im HAU

Es war einmal ein Tänzer, der lebte traurig in seinem Exil in Prag. Er gewann dort den Nationalpreis für klassischen Tanz und feierte Erfolge, bald sogar in Paris – bis er eines Tages, es war ein lauer Oktobertag im Jahr 2004, zum König von Kambodscha gekrönt wurde. Seither regiert ein echter Ballettmeister, Norodom Sihamoni, sein armes Märchenland. Stolz betrachtet er es wie kostbare Kulissen in einem ehrwürdigen Traditionstheater. Aber fährt man von Vietnam aus, dem Nachbarland, hinein nach Kambodscha, ahnt man sofort, dass hier nicht nur das Terrorregime der Roten Khmer in den 1970er-Jahren das tropische Land erstickt hat. Kambodscha ist noch heute von Armut und seiner traumatischen Geschichte gelähmt.

Und noch ein Tanz-Märchen: Es war einmal eine Zeit, da brach ein junger Schwede mit hübscher Lockenpracht aus seiner Heimat auf, allerdings, um das Gegenteil dessen zu erleben, was man als ein Exil bezeichnen würde. Michael Laub ist Bühnenregisseur, vor allem aber wurde er ein Weltbürger wie seine berühmten Mitstreiter auch, etwa die Performancekünstlerin Marina Abramovнc und andere „Solisten“, die er schon seit 1995 auf der Bühne porträtiert, als sei er ihr Fotograf. Laubs Spezialität: Er will Tänzern und Performern keine Rolle entlocken, er will zeigen, wer sie wirklich sind: nämlich Könige ihres eigenen Lebens.

Nun kreuzen sich zwei Wege: die der Könige der Armut mit denen der Könige der Avantgarde. Im kambodschanischen Battambang, der zweitgrößten Stadt des Landes, fand Michael Laub eine sonderbare Subkultur mit besonders origineller Lesart all der verblassten Sixties-Musikstile wie Garage, Surf, Space und Psychedelic Rock. In Kambodscha leben diese Stile einfach weiter in einer seltsam grellen Mischung aus Retro und der Bewältigung der grausamen Vergangenheit. Unter der Fittiche von Michael Laub ist mit der Kunstband The Cambodian Space Project und seinen Protagonisten Srey Channthy und Julien Poulson ein ganzer Zirkus namens Galaxy Khmer entstanden. Optisch wird er beim HAU-Festival Staging Cambodia unterfüttert von Aufnahmen des renommierten Doku-Filmers Marc Eberle. Intellektuell reichert ihn Xavier Gobin an. Dieser reist für die kambodschanische NGO Phare Performing Social Enterprise nach Berlin, um diesem kunterbunten Spaß zwischen dem 16. und 19. Januar ein paar handfeste Fakten beizumischen. Zum Beispiel diese: Nur jeder fünfte Jugendliche in Kambodscha hat einen Beruf, mit dem er eine Familie ernähren könnte. Zwei Drittel leben trotz der touristischen Nähe zu den Angkor-Tempeln mit ihren gut drei Millionen Besuchern pro Jahr unterhalb der Armutsgrenze.
Und König Sihamoni, der Balletttänzer auf dem Thron? Er hält die Armut in seinem Land  für blanke Normalität. Kunst, so ist es für diesen edlen Herrscher über sein Märchenland ausgemacht, zeigt den einzig wahren Weg, die Wirklichkeit zu übersteigen.

Staging Cambodia
HAU 1 und HAU 2, mit Michael Laub, The Cambodian Space Project, Khvay Samnang u. a., 16.–19.Januar., www.hebbel-am-ufer.de,
Karten-Tel. 25 90 04 27

Text:  Arnd Wesemann

Foto: Lucia Rossi

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