Theater

„Hotel Savoy“ im Hau 1

HotelSavoyDass sich Künstler von Ämtern und Papierkriegern ausgebremst fühlen, ist Usus. In Ausnahmefällen allerdings kann die Bürokratie hochgradig kreativitätsfördernd wirken. Der Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Dominic Huber arbeitete auf Einladung des Goethe-Instituts gerade in New York, als die dortige Brandschutz-Behörde plötzlich feststellte, dass die Feuersicherheit der Goethe-Büros bestenfalls auf 50er-Jahre-Level rangiert. Also wurden von heute auf morgen sämtliche Mieter zwecks Renovierung aus dem Townhouse an der 5th Avenue ausgebürgert. Und Huber kam auf die glorreiche Idee, den Leerstand als „Hotel Savoy“ zwischenzunutzen – frei nach Joseph Roths gleichnamigem Roman. Die New Yorker waren von dem „Event“ so begeistert, dass das große Internet-Anzeigenportal Craig’s List bald Tickets zu Schwarzmarktpreisen annoncierte. Kostenpunkt: 150 Dollar.

In leicht abgewandelter Form kommt die Installation jetzt nach Berlin. Wer Hubers Arbeiten kennt, weiß, dass hier nicht einfach der Roman nachgebetet wird. Vielmehr geht es darum, eine atmosphärische Entsprechung für das Hotel in Lodz zu finden, in dem der Romanheld Gabriel Dan nach dreijähriger sibirischer Kriegsgefangenschaft im Sommer 1919 eincheckt und auf illustre Mitbewohner wie die Varietй-Tänzerin Stasia und den aufstrebenden kroatischen Revolutionär Zwonimir Pansin trifft. Die Zuschauer, erklärt Huber im Gespräch, „übernehmen die Perspektive von Gabriel Dan, der wie ein Mann ohne Eigenschaften mehrere Identitäten durchläuft“, und werden entsprechend einzeln – im 15-Minuten-Takt – in den Roth-Kosmos eingelassen. Der befindet sich – anders als in New York – in einem klassischen Theater-Setting: Auf der Bühne des HAU 1 hat Huber ein mehrstöckiges Labyrinth mit einem knappen Dutzend Zimmern gebaut, durch das sich das Publikum hindurchbewegt. Übergriffiger Mitmachzwang ist indes nicht zu befürchten: „Jeder bestimmt selbst, wie viel er von sich preisgibt“, verspricht Huber. Man könne sich auch auf die klassische Beobachter-Position zurückziehen, „ohne dass jemand aus der Kulisse springt und einen mit Farbe bekleckert“. In jedem Fall aber empfiehlt der Künstler für den Trip durch seine surreale Szenerie festes Schuhwerk.

Text: Christine Wahl

Foto: Hebbel am Ufer

Hotel Savoy HAU 1, 20.–30.10., Mi–Fr 18–22 Uhr, Sa+So 16–22 Uhr, Start im 15-Minuten-Takt, Karten-Tel. 25 90 04 27

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