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„I Capuleti e i Montecchi“ an der Deutschen Oper

Drama Queens”, das ist Titel der erfolgreichsten Platte der amerikanischen Mezzosopranistin Joyce Di Donato. Er bringt das ganze Genre gut auf den Punkt. In Opern, grundsätzlich gesprochen, geht es meist um hysterische Damen in schlechten Plots, die von balzenden Herrn umworben werden. Die Kunst des pointierten Abgangs – wie im wirklichen Leben – ist die Königsdisziplin jeder Drama Queen.

Bei Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ handelt es sich freilich um eine „Romeo und Julia“-Version. Wobei für den gemeinsamen Abgang die Liebenden im Grab noch einmal für ein Duett auferstehen. Wie schön! Für die Hosenrolle des Romeo kehrt der derzeit glamouröseste und brillianteste Opern-Mezzo, die 47-jährige Joyce Di Donato, noch einmal in jenes Fach zurück, das sie zuletzt halb verlassen hatte (als „Maria Stuarda“ an der Deutschen Oper). „Romeo hat Lyrisches, Heldisches, Poetisches, Furioses zu bieten. Absolut spektakulär!“, so Di Donato am Telefon. Grund genug für den kleinen Geschlechterwechsel; so wie er von Sängerinnen ihres Typs allerdings oft erwartet wird.

Androgyn ist ihre Stimme eigentlich nicht. Dazu geht zu viel Glitzer und zu viel Showgirl von ihr aus. Sie ist keine ­militante Koloratur-Kalaschnikow wie früher Marilyn Horne. Und keine Seelen-Mutti wie manch andere Rollenvorgängerin. Sondern scharfzüngige Ironikerin und Komödiantin. Auf Fotos lacht sie mit weit offenem Mund oft heraus. Ihr Berliner Konzert-Debüt, das vor einigen Jahren am Abend eines deutschen Fußball-Länderspiels stattfand, würzte sie, indem sie zwischen den Auftritten mit dezentem Handzeichen die gefallenen Tore anzeigte.

Ursprünglich wollte sie Musical-Star werden. Sie träumte von „Sound of Music“ am Broadway, ähnlich wie einst Julie Andrews. Bekannt wurde sie stattdessen als Barock- und Rossini-Sängerin. Also mit flatternden Verzierungen und mit der Kunst gurrender Galanteriewaren. Als „Cenerentola“ etwa und als Händels Zauberin „Alcina“ (in der vokal fulminanten Gesamtaufnahme unter Alan Curtis). Ihr Drang ins Sopranfach wird sie demnächst weiterführen zu Rossinis „Semiramis“ (in München). Thomas Allen, der große britische Bariton, bezeichnete Di Donato schlicht als „die regierende Königin des Belcanto“. Das trifft’s.

Die Königsklunker freilich sind bei ihr zum Anfassen. Sie besteht darauf, ihren Wohnsitz im amerikanisch abgelegenen Kansas zu behalten (woher sie stammt). Als Melodramatikerin möchte sie nicht wahrgenommen werden. „Ich war tödlich beleidigt“, sagt sie, „als mir vor Jahren meine Schwester ein rosarotes Sofa-Kissen mit dem Aufdruck ,Drama Queen‘ schenkte“. Für einen Film mit genau diesem Titel interviewte sie trotzdem Diven, Transen und Trümmertussen (darunter Stefan Kuschner aus der Berliner Truppe um Ades Zabel): „Daneben kam ich mir wie ein Landei vor!“ Joyce Di Donato – mit der augenblicklich bestsortierten Kollektion königlicher Koloratur-Klunker – ist eher: Opern-Royalty von nebenan.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

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