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Ibsens „Gespenster“ in den Sophiensжlen

Ibsens

Margot ist nicht Osvald. Aber die 81-jährige Dame hat etwas gemeinsam mit dem Künstler aus Ibsens Drama „Gespenster“. Sie will sterben. Margot, die an einer Vielzahl von Krankheiten laboriert und einfach nicht mehr will, nimmt Kontakt zu der Schweizer Organisation Eternal Spirit auf, die ihr Sterbehilfe leisten soll. Der entscheidende Unterschied: Osvald ist eine Bühnenfigur. Margot hat tatsächlich gelebt. Die Theatermacher der Gruppe Markus&Markus haben über Eternal Spirit Kontakt zu der Sterbewilligen bekommen und sie mit der Kamera über Wochen begleitet. Die Videos sind Teil der Performance „Ibsen: Gespenster“, mit der das Kollektiv aus Hildesheim seine Inszenierungen über Einbrüche des Realen in den klassischen Kanon fortsetzt. Für „John Gabriel Borkman“ haben sie einen ehemaligen Finanzfachmann auf die Bühne geholt, der im Knast gesessen und sich danach mit schweren Messie-Tendenzen von der Welt zurückgezogen hatte.
Nun thematisieren sie mit Ibsens „Gespenster“ von 1881 eine der brisantesten Debatten der Gegenwart. „Das Thema Sterbehilfe wird immer nur ideologisch diskutiert“, stellt Markus Wenzel fest, der zusammen mit Markus Schäfer das mittlerweile auf fünf Mitglieder angewachsene Kollektiv gegründet hat. „Der Einzelfall gerät darüber aus dem Blick.“ Sie sind während ihrer Recherchen in der Schweiz auf viel Offenheit gestoßen. Auch wenn sich die großen Sterbehilfe-Organisationen wie Dignitas oder Exit dann doch mit Befürchtungen zurückzogen. Unter anderem wollte man einen „Werther-Effekt“ vermeiden.
Die schließlich gefundene Protagonistin Margot hat den jungen Theatermachern nicht nur bereitwillig Einblicke in ihr akribisch in Tagebüchern und Fotoalben festgehaltenes Leben gewährt. Sie durften sie auch mit der Kamera zum Sterben nach Basel begleiten. Natürlich ist darüber in der Gruppe intensiv diskutiert worden. „Aber es wäre doch absurd, ein Stück über Sterbehilfe zu machen, und dann den Tod doch wieder zu tabuisieren“, findet Hamann. „Wir kennen den heroischen Tod im Hollywood-Stil„, so Wenzel, „aber das Sterben als Bestandteil des Lebens, das in der Generation meiner Großeltern noch selbstverständlich war, ist uns verloren gegangen.“
Die beiden betonen, dass es ihnen mit dieser „Gespenster“-Adaption nicht um eine Parteinahme im Streit um das Pro und Contra der Sterbehilfe ging. „Wir reflektieren auf der Bühne, wie wir die Zeit mit Margot erlebt haben“, sagt Wenzel. Ja, Margot lache viel in den Videos, erzählt Hamann. Aber es werde trotzdem klar: Sie will sterben. „Und wer sind wir, das zu beurteilen?“

Text: Patrick Wildermann

Foto:
Komun / commun.de

Sophiensжle Di 7. + Mi 8.4., 20.30 Uhr, Karten-Tel. 283 52 66

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