Theater

Ich bin eine Aussteigerin

Marcus_Lieberenz_bildbuehne.de… die er in wuchtigen Chören aufmarschieren lässt: Arbeitslose, Migranten, entlassene Strafgefangene. Bei seiner „Lulu“-Inszenierung an der Schaubühne ist es ein Chor von Sexarbeiterinnen. Eine dieser Prostituierten ist während der Proben aus sehr prinzipiellen Gründen ausgestiegen. Hier beschreibt sie ihre Erfahrungen und analysiert Volker Löschs Theater der Klischees und Opferzuschreibungen. Wir dokumentieren ihren Text.

Volker Lösch sind seine jeweiligen „Opfergruppen“ völlig wurscht, Hauptsache er kann sich weiter als Che Guevara der Theaterszene fühlen. Ich weiß, wovon ich rede: Ich bin eine Aussteigerin. Nach zwei Wochen Proben für „Lulu“ ziehe ich folgendes Fazit: Die Bezahlung war miserabel, man wurde quasi zum 1-Euro-Jobber. Die Gage, wenn ich mich richtig erinnere: 500 Euro für 6 Wochen Probenzeit. Auftritts­gage für die Vorstellungen 80 Euro bei vier bis fünf Stunden Anwesenheit. Eine Hure, die etwas auf sich hält, gibt sich ja gerade NICHT mit einem immateriellen Mehrwert zufrieden.

Herr Lösch und Team vermittelten jedoch den Eindruck: wir könnten dankbar sein, dass uns mal jemand zuhört, ohne dass wir die Beine dafür breit machen müssen. Er hat sich offensichtlich keine Sekunde mit dem Thema Prostitution beschäftigt, was an seinen Fragen deutlich wurde. O-Ton Lösch: „In einer befreiten Gesellschaft, also, wenn wir den Kapitalismus überwunden haben …ähm … also im Sozialismus, da gäbe es doch gar keine Prostitution mehr, oder?“ Auch gut: „Die Frau wird ja im Kapitalismus immer mehr zur Ware, als ich da neulich diese Dessous-Werbung gesehen habe…“ Das letzte Mal ist mir so eine banale Kapitalismus-Kritik von Linksruck-Aktivisten im ersten Semester begegnet.

Wedekinds „Lulu“ war völlig nebensächlich. Keine der Chorfrauen hat das Stück gelesen, nie wurde darüber gesprochen. Lösch selbst gab zu, seine Texte jeweils einzig nach dem Kriterium auszuwählen, dass die „Message“ zur „Opfergruppe“ passe. Auf meine Frage, was denn die „Message“ dieses Stücks sein soll, kam prompt die Antwort: Die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft entlarven! Herr Lösch sollte sich meiner Ansicht nach erst einmal um seine eigene Doppelmoral kümmern. Würde ich mich für ihn auf die Bühne stellen, würde ich genau zu dem Opfer werden, das ich beim Ausüben meines Jobs gar nicht bin. Als Hure kann ich nur sagen: Herr Lösch ist der miserabelste Freier, den ich je hatte.

Name und Adresse der Mail-Autorin sind der Redaktion bekannt. Da die Autorin neben ihrer Tätigkeit als Sexarbeiterin auch in einem anderen Beruf arbeitet, respektieren wir ihren Wunsch, ihre Mail ohne Namen zu veröffentlichen.

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